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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2017
Was ist eine christliche Ehe?
Ein evangelisch-katholischer Disput
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: Der Bogen, der ich bin

von Barbara Brüning vom 11.08.2017
Alexander Ullrich übt die Konzentration auf das Wesentliche – mit Pfeil und Bogen. Und manchmal trifft er ins Schwarze

Wenn ich über meine Erfahrung mit Zen und Bogenschießen erzählen soll, muss ich an die Fabel von dem Frosch im Brunnen denken. Dieser Frosch hat nie etwas anderes kennengelernt als seinen Brunnen und bekommt dann Besuch von einem anderen Frosch, der weit gereist ist und das Meer kennengelernt hat. Der Brunnenfrosch kann sich allein anhand der Beschreibungen keine Vorstellung von etwas machen, das größer ist als sein Brunnen, das Farben und Gerüche hat, weil er das nie kennengelernt hat. Ähnlich ist es mit dem Bogenschießen. Ich kann zwar viel erzählen, aber Sie werden dadurch von der Erfahrung, die das so wertvoll macht, nichts verstehen können. Aber vielleicht kann ich ja genügend Neugier wecken, dass Sie das am Ende einmal ausprobieren wollen.

Diese Art des Bogenschießens ist keine Wettkampfdisziplin, sondern Meditation in Bewegung. Ganz wichtig ist es, auf den Atem zu achten, den inneren Stand, die Körpermitte, die wir »Hara« nennen. Diese Achtsamkeit fängt an, bevor ich den Bogen in die Hand oder den Pfeil aus dem Köcher nehme. Ich nehme den Bogen mit einer Geste des Respekts auf, indem ich mich zuerst vor ihm verneige.

Ich denke an den Bogen, der ich selbst bin. Bin ich überspannt? Wie gehe ich mit mir um? Wo ist Anspannung und wo Entspannung? Ich atme bewusst ein, und dann – beim Ausatmen – nehme ich den Bogen. So geht es auch mit dem Pfeil. Ich bin auch der Pfeil. Was sende ich aus? Was gebe ich von mir? In welcher Haltung geschieht das? Der Pfeil ist auch eine Waffe. Leben und Tod liegen in ihm, auch das will gesehen werden.

Dann lege ich den Pfeil hier auf den Bogen, lege das Seil in die Klammer am Ende des Pfeils. Ich lasse den Bogen noch einmal sinken und verharre mit den Händen in meiner Körpermitte. Ich schließe die Augen. Visualisiere das Ziel. Und denke daran, was und wie ich loslassen muss. Manchmal mache ich die Erfahrung, dass das schwer ist. Ich versuche etwas in mir selbst zu spüren, anzuschauen und loszulassen.

Was ist mit dem Ziel? Auch vor dem Ziel verneige ich mich kurz. Das Ziel ist ein Teil von mir. Ich stelle mir vor, dass ich das Ziel ein- und ausatme. Was trifft mich? Wo begegne ich mir. Wie verletzlich bin ich?

Und dann betrachte ich die ganze Szene von außen: Mich selbst, wie ich das Ziel sehe, wie ich das Ziel treffe. Erst dann ist der Augenblick gekommen, an dem ich den Bogen hebe u

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