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Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2014
Papst Franziskus und seine Gegner
Der Inhalt:

Unter die Haut

Roman. »Ahmed Ouallahi ist der Erste, der das Stück Aas sieht.« Die Anfangsworte geben die Richtung vor, in die der Roman »Am Ufer« weist: Es geht um Arbeitslosigkeit, Armut, auch Tod. Autor Rafael Chirbes treibt ein fulminantes und verwirrendes Spiel mit seinem Leser. Er nimmt ihn mit in das Spanien der Finanzkrise und bringt es ihm so nahe, dass es unter die Haut geht. Nie weiß der Leser, wohin ihn der Erzähler als Nächstes führt, welcher Erinnerung, Analyse oder Tirade er sich hingibt. Er scheint immer den größtmöglichen Umweg zu wählen.

Vom »Stück Aas« etwa ist erst 17 Seiten später wieder die Rede, als sich in der sumpfigen Gegend, wo Ahmed angeln will, zwei Hunde um ein Lumpenbündel streiten. »Das Aas« sind verwesende menschliche Überreste.

Und erst ab Seite 24 beginnt die eigentliche Erzählung: Der Schreiner Esteban hat das im Familienbetrieb erarbeitete Geld in eine Baufirma investiert. Deren Pleite zieht die Schreinerei mit in den Abgrund. Fünf Mitarbeiter, darunter Ahmed, stehen auf der Straße.

Die Handlung ist dabei nur der Rahmen für die Beschreibung der menschlichen Abgründe – nicht nur infolge der Finanzkrise und der um sich greifenden Armut, die alle Bindungen zerstört. Es geht auch um den spanischen Bürgerkrieg, in dem Estebans Vater aufseiten der Republikaner kämpfte. »Was die Sieger mit ihm gemacht hatten, ließ er an mir aus, dem einzigen Sohn, den er zur Hand hatte«, sagt Esteban.

Chirbes mutet dem Leser einiges zu, auch eine derbe Sexualität. Aber zugleich straft seine meisterhafte Sprache all die behauptete Illusionslosigkeit Lügen. Er zeigt Menschen als tief verletzt, egoistisch und verkommen – doc