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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2013
Die Andersleute
Haben die Orden noch eine Zukunft?
Der Inhalt:

Die Andersleute

vom 16.08.2013
Ihr Lebensstil fasziniert
auch säkulare Menschen. Doch Mönche und Nonnen sind vom Aussterben bedroht. Viele Orden gehen den Weg vom großen Kloster zu kleinen WohngemeinschaftenVon Eva Baumann-Lerch

Um 4.40 Uhr tönt über der Abtei die Glocke. Hundert Männer in langen schwarzen Gewändern strömen über die Flure, eilen in die halbdunkle Kirche, füllen schweigend das Chorgestühl. Dann erklingt der Ruf in die Stille des jungen Tages: »Herr, öffne meine Lippen – dass mein Mund dein Lob verkünde.« Die klare Tagesstruktur der Mönche liegt wie ein ruhiger Herzschlag über den vier Türmen der Benediktinerabtei Münsterschwarzach. Schon auf dem Parkplatz scheint dieser leise Atem spürbar. Pater Richard Maria Kuchenbuch empfängt an der Pforte, er ist hier im Kloster für die Öffentlichkeitsarbeit und das Internet zuständig. Doch bevor er ins Haus bittet, liegt sein Blick eine Weile freundlich auf dem Gast, als wolle er warten, bis er ihn ganz wahrgenommen hat.

Es hat lange gedauert, bis diese Begegnung möglich wurde. Wochenlang haben die Mönche die Anrufe und E-Mails mit der Anfrage von Publik-Forum untereinander herumgereicht und weitervertröstet. »Das war Taktik!«, sagt Pater Richard jetzt offen und lacht laut auf. »Wenn wir jeden Journalisten, der hier anfragt, sofort empfangen wollten, hätten wir täglich drei davon im Haus – und zusätzlich zwei Fernsehteams!«

Seine Aussage macht die Faszination deutlich, die Ordensleute heutzutage auf Menschen und Medien ausüben. Je säkularer ihr Umfeld sich entwickelt, um so interessanter scheinen sie zu werden. »Gutes aus dem Kloster« ist gefragter denn je, Kräuter, Schnaps und Kunsthandwerk aus Klosterproduktion verkaufen sich blendend. Im Fernsehen laufen Nonnen-Serien zur besten Sendezeit, auch die Werbung setzt zunehmend auf Darsteller im Ordensgewand, um deren Faszination auf ihre Produkte umzulenken. Klosterschulen sind trotz des Missbrauchsskandals überlaufen, Wirtschaftsfunktionäre lassen sich von Mönchen in die Kunst der Menschenführung einweisen. Hier in Münsterschwarzach kommt noch die Popularität von Anselm Grün hinzu, des wohl berühmtesten deutschen Mönchs, dessen spirituelle Bücher seit Jahren Bestseller sind.

Doch ganz im Widerspruch zu ihrer wachsenden Beliebtheit sind die Orden in Deutschland vom Aussterben bedroht. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Ordensmänner um ein Drittel verringert und die der Ordensfrauen sogar halbiert. Laut Angaben der Deutschen Ordensobernkonferenz (dok)gibt es

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