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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2020
Der fragile Mensch
Ein Mängelwesen strebt nach gottgleicher Macht und zerstört sich selbst 
Der Inhalt:

Himmelsflügel

von Rainer Hepler vom 31.07.2020
Die neuen Fenster von Christoph Brech in der Münchner Heilig-Kreuz-Kirche

Eindrucksvoll thront die neugotische Heilig-Kreuz-Kirche seit 150 Jahren auf dem Giesinger Berg in München. Ihre Ausstattung entging der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs, lediglich die aufwendige Farbverglasung der Fenster war verloren. Zum Abschluss der langjährigen Renovierungen hat der Chorbereich im vergangenen Jahr durch den Münchner Künstler Christoph Brech eine zeitgenössische Fenstergestaltung erhalten.

Wer sich in den weiten, hellen Raum setzt, wird je nach Wetter, Stunde, Jahreszeit ganz verschiedene Eindrücke bekommen. Unaufdringlich erstrahlt hinter dem wuchtigen Aufsatz des Kreuzaltares ein lichtes Blau, durchsetzt von hellen Flecken wie Wolken. Die Form erinnert auch an Federn oder Flügel – als wären die Engel auf dem Hochaltar in den Fenstern zu einem Heer vermehrt. Gerade an trüben Tagen legt sich das Blau auf die ockerfarbenen Altarfiguren wie ein Widerschein des Himmels.

Tritt man aber näher, drängt sich ein ferner liegender Gedanke auf: Sieht das nicht irgendwie aus wie Röntgenaufnahmen von Lungen? Der Blick wandert auf den Gekreuzigten mit seinem mächtigen Brustkorb im Zentrum des Altares. »Und er neigte das Haupt und übergab den Geist« – so beschreibt das Johannesevangelium das Sterben Jesu in Kapitel 19, Vers 30. Das griechische Wort pneuma erlaubt aber auch die Variante: »… übergab den Atem«. Der Atem und der Geist ist auch im Hebräischen dasselbe Wort: ruach. Martin Buber übersetzte: »… und ER, Gott, bildete den Menschen, Staub vom Acker, er blies in seine Nasenlöcher Hauch des Lebens (ruach), und der Mensch wurde zum lebenden Wesen.« Animation, Beseelung, Beatmung. Unser Atem, der Windhauch, die Seele, der Heilige Geist – wir sind gewohnt, darunter jeweils etwas völlig Verschiedenes zu verstehen. Im biblischen Sprachgebrauch aber ist es das Gleiche, genau wie beim chinesischen Chì oder dem indischen Prana.

Christoph Brech ist ein vielseitiger Künstler. Er wurde bekannt durch Videoarbeiten, Gestaltungen im öffentlichen Raum, zeitgenössische Interventionen in Ausstellungen von Kunst früherer Epochen, Fotobände, Verknüpfung von bildender Kunst und Musik bis hin zu in Mosaike übertragene Filmstils. Oft kommen seine Arbeiten leicht und mit einem Augenzwinkern daher. Wenn man sich Zeit nimmt, entdeckt man unwillkürlich mehr. Spricht man mit ihm, stößt ma

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