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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2019
Homosexualität und Kirche
Wo ist das Problem?
Der Inhalt:

»Und was macht Ihr Mann?«

vom 26.07.2019
Homosexualität im Pfarrberuf: Zwei Theologinnen stehen manchmal vor komplizierten Fragen. Dennoch fühlt sich das Paar in der evangelischen Kirche gut aufgehoben

Kennengelernt haben wir uns im Theologiestudium. Wir besuchten beide ein Seminar an der Universität Heidelberg zum Thema »Ethik der Lebensformen«. Für uns ist der Umgang mit Lebensformen eine Frage der Bibelauslegung. Denn besonders der Vorwurf, die Schrift nicht ernst zu nehmen, ist schwer zu ertragen – gerade für uns als Protestantinnen. Im Studium haben wir gelernt, dass die Texte, mit denen heute Homosexuelle ausgegrenzt werden, vor 2000 Jahren in einem ganz anderen gesellschaftlichen Kontext entstanden sind. Wir müssen immer wieder fragen, inwiefern diese Texte für uns heute noch gelten. Denn Theologie ist auch eine Haltung. Theologinnen wie Dorothee Sölle haben gezeigt, wie man andere mit Theologie aufrichten kann, statt sie zu unterdrücken.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 14/2019 vom 26.07.2019, Seite 35
Homosexualität und Kirche
Homosexualität und Kirche
Wo ist das Problem?

Leider sind uns immer wieder Menschen begegnet, die mit unserer Homosexualität ein Problem hatten. Die erste Stelle für das Vikariat konnte Jolanda nicht antreten, weil die dortige Kirchengemeinde keine lesbische Vikarin haben wollte. Das zu erfahren war für uns schon heftig. Durch solche Erfahrungen mit Diskriminierung haben wir gelernt, solidarisch zu sein und die Lebensführung anderer Menschen nicht vorschnell zu bewerten.

Als heterosexuelles Paar wäre manches sicher einfacher. Zum Beispiel die Antwort auf die Fragen eines Grundschulkindes: »Hast du einen Mann?«, oder eines Gemeindemitglieds: »Und was macht Ihr Mann?«. Die sowieso schon schwierige Aufgabe, Privatleben und Pfarramt auseinanderzuhalten, wird dadurch noch mal erschwert. Bei vielen anderen wäre das Thema mit einer einfachen Antwort abgeschlossen. Wir wollen natürlich als lesbisches Paar sichtbar sein, aber gerade ich als Vikarin will in Seelsorgegesprächen professionell auftreten und nicht durch Folgefragen das Privatleben ins Zentrum rücken.

Es ist natürlich immer eine Frage, wie man mit der eigenen Tradition umgeht. Aus Gesprächen mit älteren lesbischen Pfarrerinnen wissen wir, wie schwierig das damals war. Respekt, was die alles mitgemacht, erlitten und erkämpft haben.

Heute erleben wir das, zumindest in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, anders. Wir haben das Gefühl, die Kirchenleitung steht zu hundert Prozent hinter uns, das ist tröstlich. Die Kirchengemeinde, die uns dann anstelle der ersten für das Vikariat angeboten wurde, hat uns sehr herzlich aufgenommen. Die Lehrpfarrerin hat sich gefreut, dass wir zu zweit in die Gemeinde kommen – und uns beim Gottesdienst auch direkt zusammen vorgestellt. Wir wollten von Anfang an alles transparent gestalten. Auch bei unserer kirchlichen Hochzeit vor einem Jahr war es uns wichtig, dass das ein regulärer Gottesdienst ist, der auch öffentlich angekündigt wurde. Den Segen von der Kirche zugesprochen zu bekommen war etwas Besonderes. Diesen Segen haben sich zahlreiche Menschen vor uns hart erkämpft.

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Die Kirche ist ja ein Teil von Gesellschaft, wir sehen das nicht losgelöst voneinander. Es geht um Sichtbarkeit und Repräsentation. An uns und ganz vielen anderen lesbischen Frauen wie Talkmasterin Anne Will oder der ehemaligen Umweltministerin Barbara Hendricks kann eine nächste Generation sehen: Egal, welches Geschlecht oder welche sexuelle Orientierung du hast, du kannst alles werden.

Gerade für die Kirche ist es wichtig, dass es dort Menschen wie uns gibt. Die Kirche repräsentiert ein Ideal von gutem Leben. Das heißt für uns: Wir leben die Freiheit und die Liebe, von der die biblischen Geschichten erzählen – und zwar als lesbisches Paar. Für uns ist das inzwischen einfach selbstverständlich und steht auch nicht im Widerspruch zur biblischen Botschaft.

Wir sind eines von zahlreichen Beispielen dafür, wie vielfältig man seinen Glauben leben kann. Das ist zum einen wichtig als Vorbild, aber eben auch als Signal an die Gesellschaft. Wenn sich jemand outet und dann die Person oder auch deren Umfeld sieht, dass es auch in der Kirche lesbische Pfarrerinnen gibt, kann das Mut machen.

Es war sicherlich zunächst fremd für manche in der Gemeinde, dass die Vikarin mit einer Frau verheiratet ist. Weil sie uns sympathisch finden, haben einige ihre Einstellung zu Homosexualität oder auch zur klassischen Pfarrfamilie hinterfragt. Auch wenn kein Mann an der Seite der Vikarin ist, freuen sich viele ältere Frauen doch über einen Plausch mit der Frau der Vikarin beim Kirchenkaffee.