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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2018
Geborgen und unbehaust
Was Religion über Heimat sagt
Der Inhalt:

Europas Menschlichkeit wird im Mittelmeer verteidigt

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 27.07.2018
Am Umgang mit Seenotrettern entscheidet sich, ob Europa noch von Werten sprechen darf

Offenbach an einem Samstag Mitte Juli: Mehrere hundert Menschen haben sich vor dem Rathaus versammelt und demonstrieren für die Seenotrettung. Einige halten Schwimmwesten in die Höhe, andere Plakate, auf denen steht »Stoppt das Sterben« oder »Stell dir vor, in dem Boot säße dein Kind«. Auf den Rathausstufen steht die 24-jährige Medizinstudentin Maike am Mikrofon. Sie ist vor wenigen Wochen auf dem Schiff Seefuchs der Organisation Sea-Eye im Mittelmeer mitgefahren. »Da war ein Flüchtlingsboot mit 120 Menschen einige Seemeilen von uns entfernt«, erzählt sie. Doch die Seenotrettungsleitstelle in Rom habe ihnen mitgeteilt, »dass nicht wir verantwortlich seien, sondern die libysche Küstenwache.« Maike kämpft gegen die Tränen an und sagt: »Es ist kein libysches Schiff gekommen. Die Menschen sind ertrunken.«

Allein im Juni sind 600 Menschen auf ihrer Flucht übers Mittelmeer gestorben – während in Brüssel und Berlin über »Masterpläne«, Abschreckung und Abschottung diskutiert wurde. Der Vorwurf, private Seenotretter würden Flüchtlinge erst anziehen, hält sich hartnäckig. Er wird befeuert von Bundesinnenminister Horst Seehofer, der von einem »Shuttle-Service« spricht – dabei belegen Studien renommierter Wissenschaftler, dass es diesen Zusammenhang nicht gibt (vgl. auch Publik-Forum.de). Völlig aus dem Blick gerät die zeitliche Reihenfolge: Es waren nicht zuerst private Seenotretter da und dann kamen Flüchtlinge. Es war umgekehrt: Als staatliche Programme zur Seenotrettung eingestellt wurden, taten sich Bäcker und Ärztinnen zusammen, Taxifahrer und Optiker, emeritierte Professoren und Studentinnen, um Menschenleben zu retten.

Was sie dieser Tage erleben, ist die letzte Eskalationsstufe einer Reihe von Schikanen seitens europäischer Regierungen. »Wir haben Boote, wir haben Leute, die bereit sind zu helfen – aber wir müssen im Hafen bleiben und uns die Zahlen der Toten anhören«, fasst Michael Buschheuer, Gründer von Sea-Eye, die Situation zusammen. Das ist unterlassene Hilfeleistung. Und die ist eigentlich strafbar. »Auf dem Mittelmeer erleben wir täglich unterlassene Hilfeleistung durch die Verantwortlichen in Rom und Tripolis«, berichtet die Studentin Maike. Denn die Seenotrettungsleitstelle in Rom untersteht der italienischen Regierung – und die besteht auch aus Rechtsextremen, allen voran Italiens Innenminister Mat

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