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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2017
Wie viel Religion verträgt die Kunst?
Eine Spurensuche auf der documenta
Der Inhalt:

Heinrich, Ihr Schnuffelhase!

vom 21.07.2017
Kolumne von Anne Lemhöfer:

Meine Freundin Jule erwartet ein Kind. Das ist eine schöne Sache. Und sie weiht mich in die Namenssuche ein! Ich liebe so etwas und bin immer enttäuscht, wenn die Leute sagen: »Ja, wir haben schon einen Namen. Wir verraten ihn aber erst nach der Geburt.« Dann laufen meine Synapsen heiß: Zwei künstlerisch angehauchte Menschen mit Jobs im Medienbereich, hübscher Altbauwohnung und Waldorfvergangenheit – wie könnten die wohl ihr Söhnchen nennen wollen? Vielleicht etwas aus dem Astrid-Lindgren-Kosmos? Bosse, Emil, Johann? Oder haben sie sich was ganz Abgedrehtes von der Hochzeitsreise aus Bali mitgebracht? Wayan, Ketut, Gede? Wird das Geheimnis dann gelüftet, heißt es profan: »Der kleine Ben ist da.«

Jule ist da anders, Gott sei Dank. Sie will sich auch nicht sagen lassen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Das heißt, wir können doppelt brainstormen. Wir beginnen mit dem Spielplatztest. Eine von uns ruft einen Namen, und je nachdem, wie viele Kinder zwischen Rutsche und Klettergerüst sich angesprochen fühlen, kommt der Name auf Jules Liste oder nicht. »Noooooah!« Durchgefallen, zu beliebt. »Oooooskar!«, zwei Treffer, noch nicht durchstreichen. »Corduuuula … Corduuuuuula!« Niemand reagiert. Eine Option? Aber ist Cordula nicht zu extravagant? Zu seltsam? Denkt man dabei nicht an Kordeln und Kordhosen?

Jule hat noch drei Monate, bis ihr drittes Kind kommt. Und zu den Namen der anderen beiden soll der neue dann auch noch passen: Luisa und Jakob. So weit, so normal. Aber braucht die Familie jetzt zum krönenden Abschluss vielleicht doch noch was Ausgefallenes? So was wie Ruben? »Och nö, so bildungsbürgerlich.« Paul? »Ach, ein bisschen zu unaufgeregt.« Henri? »Modename.« Greta? »Modename!!« Janne? »Der ist so typisch nette Familie mit Dielenboden.« »Ihr seid aber doch eine nette Familie mit Dielenboden.« »Eben. So erwartbar.«

Besonders sein wollen, aber das bloß nicht raushängen lassen. Mit dem Trend gehen, aber nicht in übertriebener Weise. Kreativ sein, aber bitte nicht zu sehr. Die Aufgabe, einen Vornamen auszuwählen, macht aus Eltern praktizierende Linguisten. Früher hieß das Kleine einfach nach der Oma, nach dem Herrscher oder einer Heiligen. Und natürlich bleibt immer noch der Weg zurück in vergangene Epochen. Gerade in gehobenen Vierteln versehen Eltern ihre Kinder ja gerne wieder mit Namen aus Weltkriegsbegeisterungszeiten. Man fragt sich, ob sie die Kinder womögl

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