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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2016
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Der Inhalt:

Psychotherapie Aktuell: Wo der Sinn die Seelen heilt

von Anita Rüffer vom 22.07.2016
Die von Viktor Frankl begründete Logotherapie sucht nach der geistigen Dimension des Menschen. Sie will nicht nur Kranke aufrichten, sondern auch Gesunden helfen, ihre Persönlichkeit zu bilden

Nach einer traumatischen Kindheit suchte Toni Schreiber sein Heil im Alkohol. Später, als er geheiratet hatte und Vater geworden war, wollte er davon weg. Aber nach seinem Entzug stand der Maler und Lackierer mit nichts da: »Der Akku war leer.« Er wusste nicht, womit er sein Leben füllen könnte. Auf der Suche nach einem Neuanfang stieß er auf die Bücher von Viktor Frankl. Es wäre fast eine neue Sucht daraus geworden: »Es ist mir darin etwas begegnet, was ich seit Jahren vermisst habe.« Er beschreibt es als »Liebe« und »Sehnsucht nach Geistesfülle«.

Was ihm geholfen hat, war die von dem Wiener Psychiater Viktor Frankl begründete Logotherapie, eine in Deutschland von den Kassen nicht anerkannte Therapieform, die der Philosophie sehr nahe steht. Der Name geht zurück auf das griechische »Logos« mit seinem breiten Bedeutungsspielraum zwischen Wort, Sinn und Geist. Frankl widerstrebte es, wie Sigmund Freud den Menschen als triebgesteuertes Wesen zu begreifen. Ihm missfielen die mechanistischen Erklärungsmuster seiner Kollegen, die den leidenden Menschen auf Körper und Seele reduzierten. Ihm fehlte der »Logos«, der Geist als dritte Dimension. »Die geistige Person ist unzerstörbar«, behauptet Frankl. Seine sinn- und werteorientierte Psychotherapie beruft sich auf Friedrich Nietzsches berühmten Satz: »Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.«

Die Logotherapie ist kaum zu entkoppeln von der offenbar beeindruckenden Person Viktor Frankls und seiner Lebensgeschichte – und ohne sie schwer zu fassen. Viele Menschen sind wie Toni Schreiber unmittelbar beeindruckt, wenn sie ihm zum ersten Mal in seinen Schriften begegnen. 1905 in eine jüdische Familie in Wien hineingeboren, hat Frankl später vier Konzentrationslager überlebt. Seine Eltern, sein Bruder und seine erste Frau Tilly sind darin umgekommen. Was er in den Lagern erlebte und was ihn überleben ließ, schildert er in dem schmalen Bändchen »… trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager«. Unter dem englischen Titel »Man’s Search for Meaning« avancierte es zum weltweiten Bestseller.

Erfahrung aus dem KZ

Was die Lektüre so hilfreich macht, ist Frankls Fähigkeit, mit nahezu kühler Neugier auf die bedrohlichsten Lebensumstände zu blicken. Damit schafft er eine Distanz, die ihm auch in den menschenunwürdigsten Zuständen den »Rückzug in ein Reich geistiger

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