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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2012
Nicht aufgeben!
Was von Martin Luther zu lernen wäre
Der Inhalt:

Spielen

von Susanne Krahe vom 27.07.2012
Ein zweckfreies, keinesfalls jedoch sinnloses Unternehmen. Es macht Spaß und entzieht sich dem Nützlichkeitsdenken. Und merke: Nur einer kann gewinnen. Alle anderen üben sich erfolgreich in der Erfahrung des Verlierens

Im Fernsehen läuft eine Live-Übertragung von den Olympischen Spielen. Um mich aus der Anspannung zu lösen, in die der Endlauf der Sprinter mich versetzt, blättere ich durchs Neue Testament, das mit Wettkampf und Spielen nicht allzu viel zu schaffen hat – denke ich. Von wegen! Ausgerechnet bei Paulus lese ich: »Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber nur einer empfängt den Siegespreis ... Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn …« (1. Korinther 9, 24-27). Paulus als Langläufer und Faustkämpfer? Na, in einer Olympia-Mannschaft kann ich ihn mir wirklich nicht vorstellen. Mein Bild von der körperlichen Ausstattung dieses kranken Mannes lässt seine Bemerkung nur mit einer Portion Belustigung stehen, wo sie steht. Ganz schön gewagt!

Aber es ist nur ein Vergleich, und wer keine überraschenden Vergleiche riskiert, der gewinnt seine Leser nicht; die Adressaten der Zeilen waren sportbegeistert wie fast alle Griechen. Paulus wollte die Korinther unbedingt zu hartem Training in Sachen Christentum anspornen. Er, der zu Missionszwecken immer schon allen alles geworden ist, den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche, scheut sich nicht, zur Abwechslung mal in einen Lendenschurz zu schlüpfen und den Sportler zu mimen. Wenige Briefe später wird er denselben Korinthern schreiben, Gottes Kraft sei in den Schwachen mächtig (2. Kor. 12, 9 f.). Offenbar stößt nur meinem empfindlichen protestantischen Magen hier ein Widerspruch auf. Der Apostel selbst scheint die gemischte Kost aus sportlichem Wettkampf, Konkurrenzdenken und Schwachheit bekömmlich zu finden. Anders als ein pietistisch geprägtes, jegliches Vergnügen verdammendes Protestantentum findet er nichts dabei, in der Maske eines Schauspielers den Lesern auch noch eine Komödie aufzuführen. Paulus mit Narrenkappe, Paulus als Clown und mit Tränen im Auge. Das Spiel mit Korinth ist todernst geworden. In den letzten Kapiteln setzt er alles auf eine Karte, seine Person, sein Apostolat, sein Bekenntnis zu einem gekreuzigten Christus. Paulus, der Zocker? Er spielt selbst den Gegnern immer wieder die Bälle zu – und merkt im Eifer des Gefechts nicht, dass manche Steilvorlage hoch über die Köpfe der Mitspieler hinauszielt.

Wir Menschen spielen in jedem Alter und jeder Lebenslage: allein oder vor dem Bildschirm, m

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