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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2012
Nicht aufgeben!
Was von Martin Luther zu lernen wäre
Der Inhalt:

Der Schrei der Amsel

von Irene Dänzer-Vanotti vom 27.07.2012
Harald Poelchau, Gefängnispfarrer des Widerstands, besuchte die Menschen in der Todeszelle: »Sie waren für die Freiheit des Gewissens gestorben. Wir waren uns nah.«

Diese Geschichte könnte mit einem Garten beginnen. Dann klingt sie wenigstens zu Beginn noch ein bisschen leichter. »Der Dienstgarten war mit seinem großen Apfelbaum, der Himbeerhecke und den vielen Blumen ein kleines Paradies«, schreibt Harald Poelchau in seinen Erinnerungen. Himbeerbüsche wachsen auch im Schatten hoher Mauern. Zwischen der Wand des Gefängnisses Berlin-Tegel und der Außenmauer lag der Dienstgarten des Gefängnispfarrers. Er konnte dort zur Entspannung Unkraut zupfen oder Äpfel ernten – und vor allem frei reden. Denn seltsamerweise konnten die Beamten den Garten nicht einsehen, nicht einmal abhören. Das kleine Paradies blieb also auch in den schlimmsten Zeiten der Verfolgung fern der nationalsozialistischen Justiz.

Die Geschichte von Harald Poelchau könnte aber auch mit einem Satz von ihm anfangen, der eine Ahnung von seinen Mühen und Leistungen während der NS-Zeit gibt: »Man kann meine Situation nur dann richtig verstehen, wenn man weiß, dass es auch außerhalb des Gefängnisses für Verfolgte zu sorgen galt.«

Vielleicht aber ist es noch angemessener, Harald Poelchau in einer der Nächte zu begleiten, wie er sie Hunderte Male erlebt hat in den Gefängnissen Tegel und Plötzensee zwischen 1933 und 1945 an der Seite von – meist unschuldigen – Männern. Poelchau schreibt in seinen Erinnerungen »Die Ordnung der Bedrängten«: »Wenn der Morgen in der Todeszelle graute, kam die Krise für den Gefangenen. Niemand wurde verschont. Gewöhnlich drang dann in das Schweigen oder das halblaut geführte Gespräch plötzlich der Schrei der Amsel hinein, ein Warnruf, weil auf dem Hof besonders viel gegangen wurde.

Es galt nun, in den letzten zwei Stunden alle Kräfte zusammenzunehmen. Die Abschiedsbriefe mussten geschrieben sein. Der Gefangene hatte nicht mehr die Nerven dazu. Ich versuchte noch, mit kleinen Mitteln zu helfen. Zigaretten wurden bis zuletzt gewünscht. Und dann hatte ich Wein von meinem Abendmahlswein zur Verfügung. Es war eigentümlich, wie gerade solche scheinbaren Nebensächlichkeiten die geistige und körperliche Haltung des Verurteilten strafften.«

Harald Poelchau ist evangelischer Pfarrer, Gefängnispfarrer, in Berlin während des Nationalsozialismus. Er begleitet Verbrecher, später aber vor allem Widerstandskämpfer zum Schafott. Er kümmert sich um ihre Frauen, ihre Familien, öffnet seine Wohnung im Wedding als Treffpunkt, wo sie r

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