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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2018
Die geheimnisvolle Kraft der Kreativität
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Andere haben Väter, ich ein Fragezeichen«

Udo Taubitz (48) bleibt ratlos zurück, als sein Vater stirbt. Denn der hat ihn sein Leben lang nicht angenommen

Mein Vater ist tot. Ich habe es von einem Fremden erfahren. Per E-Mail. Das ist sehr traurig. Andererseits befreit es mich von all dem Grübeln, wie ich meinen Vater doch noch dazu bringen könnte, mich kennenzulernen. Da, wo andere einen Vater haben – leibhaftig oder im Herzen – hab ich eine Leerstelle. Kein Nichts. Eher ein Fragezeichen, das seit Jahrzehnten in mir dreht und bohrt.

Dazu muss man wissen: Ich war ein Unfall. Meine Mutter, Mitte zwanzig, geschieden, saß mit zwei kleinen Kindern in einem Plattenbau im Spreewald, gleich neben dem Braunkohlekraftwerk. Mein Vater war Wanderarbeiter, »auf Montage« hieß das in der DDR. Sie trafen sich in der »Turbine«, da spielte jeden Donnerstagabend eine Schlager-Band. Er war ein toller Tänzer, sagt meine Mutter. Die große Liebe. Sie sprachen vom Heiraten. Als sie ihm sagte, dass sie schwanger ist – mit mir –, sagte er, dass seine Frau auch gerade schwanger ist.

Vor Gericht erkannte er die Vaterschaft an. Immerhin. Er überwies sechzig Mark Unterhalt im Monat. Als ich fünf war, so erzählt es meine Mutter, stand mein Vater eines Abends vor der Tür und wollte mich sehen. Sie zeigte mich vor – ich schlief. Er soll gesagt haben, dass er sich zur Einschulung später »erkenntlich zeigen« wollte. Wahrscheinlich hat er es einfach vergessen. Als ich größer war, wollte ich alles über ihn wissen. Wie groß er genau ist. Was er gerne mag. Meine Mutter wusste kaum mehr als seinen Namen. Für mich war es normal, keinen Vater zu haben. Und die real existierenden Vatis der anderen Kinder hielten meine Sehnsüchte flach: wandelnde Bierflaschen, laut und grob.

Kurz vor meinem 18. Geburtstag schickte mein Vater einen Brief. Eine Glückwunschkarte? Ach was. »W