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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2017
Wem gehört die Welt?
Einblicke in die Machtverhältnisse des globalen Kapitalismus
Der Inhalt:

»Aus Stolz wird Frust«

von Mandy Ganske-Zapf vom 07.07.2017
Der Soziologe Lew Gudkow vom einzigen unabhängigen Meinungsforschungszentrum Lewada zum Zustand der russischen Gesellschaft

Publik-Forum: Herr Gudkow, im Juni und März gab es die größten Demonstrationen der vergangenen Jahre in Russland. Angesichts der großen Zustimmung für Putin kam das für viele unerwartet. Auch für Sie?

Lew Gudkow: Einen Anstieg der Proteststimmung beobachten wir schon seit Jahresbeginn. Kam es nach der Krim-Annexion zu einer Euphorie und einem Aufschwung des russischen Nationalismus, schufen die Sanktionen und die Wirtschaftskrise allmählich eine neue Situation: Ölpreis- und Rubelverfall ließen die Einkommen spürbar sinken. Das von Putin vorgenommene Importverbot bei Lebensmitteln brachte Einschnitte mit sich. Die Leute begannen, den hohen Preis für die Außenpolitik, die Kriege in der Ukraine und Syrien zu spüren. Die Krise förderte neuen Unmut.

Nun waren Tausende gegen Korruption auf der Straße. Anlass waren schwere Vorwürfe gegen Premier Medwedew. Mit dabei: auffällig viele Jugendliche.

Gudkow: Das stimmt, jedoch wird ihr Anteil übertrieben. Wir haben es nicht mit einem Generationenwechsel zu tun, wie oft behauptet. Das Durchschnittsalter bei Demonstrationen liegt gewöhnlich zwischen 45 und 50 Jahren. Weil bei den letzten Protesten keine offizielle Erlaubnis vorlag, ist ein Teil der Leute zu Hause geblieben. So hat man die Jugend erst richtig bemerkt.

Worum geht es den jungen Leuten, die plötzlich in den Fokus rücken?

Gudkow: In den vergangenen zwei Jahren hat sich in den Schulen und Universitäten der ideologische Druck auf sie verstärkt – im Kontext staatlicher Programme zur patriotischen Erziehung, zur Orthodoxie und der Rückkehr zu traditionellen Werten. Das leistete einer Gegenkultur Vorschub. Die Gegenbewegung richtet sich vor allem »gegen Lügen der Regierung«, »gegen ideologische Propaganda« und »gegen Korruption«.

Diese Jugendlichen sind unter Putin aufgewachsen. Was macht sie aus?

Gudkow: Zunächst muss man sagen: Die Jugend ist innerhalb der russischen Bevölkerung die Gruppe, die dem Präsidenten gegenüber am loyalsten ist. Putin verkörpert für sie ein wieder erstarktes Russland, das dem Westen die Stirn bietet. Das gefällt ihnen. Es gibt aber eine Schicht aus gut ausgebildeten und informierten Mittelstandsfamilien der Städte. Sie haben Einstellungen ihrer El

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