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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2015
Der Kult ums Essen
Ernährung zwischen Lebensstil und Religionsersatz
Der Inhalt:

Punk-Poetin und Schamanin

von Andrea Teupke vom 10.07.2015
Trotzig und düster: Vor vierzig Jahren erschien das Album »Horses«. Jetzt ist Patti Smith damit auf Tournee – und besser denn je. Eine Liebeserklärung

Ich war vierzehn, später wurde ich siebzehn. Im Rückblick verschwimmen diese Jahre in einem Nebel aus Liebeskummer, Bier und jugendlicher Verzweiflung. Meine Eltern ließen sich scheiden, die Schule war eine Qual, und das wirkungsvollste Mittel, all der bleiernen Ödnis zu entfliehen, war Musik: eine legale Droge, die wachmachen und beruhigen konnte, berauschen, betäuben und trösten.

Tatsächlich kann ich mich nicht genau erinnern, wann und wie ich Patti Smith entdeckt habe. Als 1975 ihr Jahrhundertalbum »Horses« erschien, war ich zu jung und wusste gerade mal, dass es die Beatles gegeben hatte. Auch »Radio Ethiopia« habe ich verpasst. Erst als 1978 »Easter« erschien, die Platte, die ihren größten Hit »Because the Night« enthält, war ich musikalisch in der Gegenwart angekommen: Patti Smith klang trotziger, lebendiger, düsterer und auf eine unbeschreibliche Art erwachsener als alles, was ich kannte.

Ich verliebte mich auf der Stelle in sie. Monatelang verschlang ich jeden Ton und jedes Wort von ihr. Hörte ihre Songs, las ihre Bücher, hängte ihre Plattencover übers Bett. Endlich ging es nicht um das sentimentale »Er liebt mich nicht, ich liebe ihn«, das gefühlte neunzig Prozent der Popmusik ausmacht. Sex kam vor, auch sehr explizit, aber nicht als das dumpfe »Komm-her,-ich-will-dich-flachlegen«-Gegröle, das die Hardrock- und Heavy-Metal-Sänger zelebrierten.

Patti Smith, eine magere junge Frau mit zotteligen schwarzen Haaren, sang und erzählte von Visionen und Trancereisen, von mystischen Träumen und verzweifelter Rebellion. Es war eine Lyrik voll poetischer und religiöser Anspielungen, die luzide war und gleichzeitig besoffen machte. Das meiste verstand ich nicht, auch nicht in der Übersetzung. Was sich jedoch übertrug, war die Intensität, die Energie, die unbedingte Hingabe.

»I’m truly totally ready to go« (»Ich bin wirklich absolut bereit zu gehen«): Diese Sängerin, Dichterin und Malerin gab sich ihrer Kunst so leidenschaftlich hin wie nur je eine mittelalterliche Nonne der Mystik.

Ich hörte ihre Platten wieder und wieder. Oft lag ich dabei auf dem grünen Teppichboden meines Kinderzimmers, den Kopf dicht vor dem Lautsprecher des Mono-Plattenspielers. In ihren Liedern fand ich mich selbst wieder, meine pubertäre Sehnsucht und Orientierungslosigkeit.

Was mir damals nicht bewusst war: Patti Smith

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