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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2015
Der Kult ums Essen
Ernährung zwischen Lebensstil und Religionsersatz
Der Inhalt:

Schaumiger Himmel

von Brigitte Neumann vom 10.07.2015
Beschwingte Lektüre: Edith Pearlman war hierzulande lange unbekannt. Endlich werden ihre Erzählungen übersetzt

Die Frauen kommen. Und zwar die alten. Alice Munro erhielt den Literaturnobelpreis 2013, da war sie 82. Lydia Davis, 68, wurde 2013 mit dem Man Booker International Prize geehrt – eine Anerkennung für ihr Lebenswerk. Und nun die 79-jährige Edith Pearlman: Für »Binocular Vision«, ihren 2011 erschienenen Band mit Kurzgeschichten, überhäufte man sie förmlich mit Preisen. Wie Munro und Davis schreibt sie nur Kurzgeschichten. Mit »Honeydew« ist nun ihr erstes Buch auf Deutsch erschienen.

Wer ist Edith Pearlman? Wieso haben wir noch nichts von ihr gehört? Vielleicht weil sie erst mit sechzig Jahren anfing, ihre Texte zu veröffentlichen. Vielleicht weil sie der Auffassung ist, Schriftsteller müssten unbemerkt arbeiten, wie sie einmal der Zeitung »The Boston Globe« sagte.

Edith Pearlman wuchs in einer jüdischen Familie auf. Ihren ersten »Roman« schrieb sie als Kind. In den 1950er-Jahren wollte sie Literatur in Harvard studieren, wo Frauen aber erst 1975 zugelassen wurden. So musste sie sich mit dem schlechter ausgestatteten Schwester-Institut Radcliffe begnügen. Dann die Ehe, zwei Kinder, Brotjobs als Programmiererin, Servierkraft und Köchin in einer sozialen Einrichtung – all diese Erfahrungen sind auch in ihre Geschichten eingeflossen. Die ersten Storys entstanden im Keller ihres Hauses in Brook line, einem Vorort von Boston. Das »Über-die-Runden-Kommen« hatte lange Zeit Vorrang vor dem Schreiben. Vermutlich sind ihre Geschichten deshalb so realistisch.

Zum Beispiel »Honeydew«: Alice Toomey, die 43-jährige Direktorin eines Colleges für Mädchen, ist in der sechsten Woche schwanger, und zwar von Richard Knapp, dem Vater ihrer problematischsten Schülerin, der magersüchtigen Emily. Toomey fürchtet um ihren Posten, falls ihre Affäre publik wird. Emily, 16 Jahre alt, zeigt beste Leistungen, ist aber mit 45 Kilo Körpergewicht immer an der Grenze zum Kollaps. Die Eltern reagieren unterschiedlich: Richard, Arzt und Anatomieprofessor, hat eine seltsam entspannt wirkende Haltung zum schleichenden Selbstmord seiner Tochter. Die ebenfalls spindeldürre Mutter ist ratlos, manchmal wütend.

Emily mag Insekten und wäre gern selbst eines: leicht, bedürfnislos, unauffällig. Etwa eine Schildlaus, die Honigtau – »Honeydew« – ausscheidet. Als sie in der Bibel von der wunderbaren Errettung der Israeliten durch süß

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