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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2015
Der Kult ums Essen
Ernährung zwischen Lebensstil und Religionsersatz
Der Inhalt:

»Liebe reicht nicht«

von Birgit-Sara Fabianek vom 10.07.2015
Sozialprotokoll: Laura K. und ihr Mann haben zwei Kinder aus Brasilien adoptiert, die in ihrer frühen Kindheit Entsetzliches erlebt haben

Als unser Sohn im Kindergartenalter war, hat er angefangen, jede Nacht an mein Bett zu kommen und mit seiner Faust auf das Kopfkissen zu schlagen, direkt neben mein Gesicht. Das hat er alle halbe Stunde gemacht. Jede Nacht. Über mehrere Jahre. Er wollte nicht zu mir ins Bett kommen, sondern einfach nur testen: Na, Alte – willst du mich immer noch, oder haust du mir jetzt eine runter? Gibst du mich nun weg?

Inzwischen ist er zwölf Jahre alt, seine ebenfalls von uns adoptierte Schwester ist dreizehn. Doch diese Überprüfung erleben wir bis heute jeden Tag, von beiden: Wenn ich es noch etwas doller treibe, wenn ich noch lauter schreie, wenn ich um mich schlage, meine Freunde beklaue, mit den Typen am Bahnhof rumhänge, statt für die Schule zu lernen, oder mich weigere, überhaupt irgendetwas zu tun – dann wollt ihr mich nicht mehr, oder? Dann seht ihr mich endlich so, wie ich mich sehe: als einen Menschen, den man einfach nicht lieben kann, weil er schlecht ist und nichts wert.

Diese Überzeugung ist in unseren Kindern tief verwurzelt. Sie prägt ihr Selbstbild und unseren Familienalltag. Als unser Sohn ein Baby war, hat er mitbekommen, wie der Freund seiner Mutter mehrfach versucht hat, ihn loszuwerden; seine Schwester wurde direkt nach ihrer Geburt ins Kinderheim abgeschoben und in den ersten zwei Jahren von einer Pflegefamilie an die nächste weitergereicht, fünf Mal, keiner wollte sie haben. Solche Trennungen sind für kleine Kinder wie ein Todesurteil.

Wir können Eltern mit normalen Kindern nicht erzählen, was bei uns abgeht. Die sagen dann immer: Ach, solche Probleme haben wir auch! Aber wo in normalen Familien die Probleme aufhören, gehen sie bei uns erst los. Rund ein Prozent der Kinder ist adoptiert – aber wenn man sieht, wie viele Kinder eines Jahrgangs später als Jugendliche im Gefängnis landen oder in der Psychiatrie, dann schnellt der Anteil adoptierter Kinder um ein Vielfaches in die Höhe. Doch das interessiert niemanden. Nicht das Jugendamt und nicht die Gesellschaft.

Als die Kinder noch im Kindergarten waren, habe ich das Jugendamt gefragt, ob sie die Kosten für die Spieltherapie übernehmen. Zur Antwort bekam ich zu hören: »Wenn Sie sich dahinten so was anlachen, müssen Sie jetzt auch damit klarkommen.« Wir haben uns schließlich privat Beratung und Hilfe gesucht bei einer Therapeutin, die seit Jahren mit frühtraumatisierten Adoptiv-

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