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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2013
"Wir brauchen einen toleranten Islam"
Malis höchster Iman Mahmoud Dicko kämpft für seine Vision
Der Inhalt:

»Maßstab ist die perfekte Maschine «

von Jörg Heimbach vom 12.07.2013
Alles, was an unserem Körper peinlich sein könnte, soll heute ausgemerzt werden.
Wie furchtbar. Ein Zwischenruf

Ein namhafter Smartphone-Hersteller wirbt mit dem Slogan: »Bedienen ohne Berühren …« Der Finger muss nur noch leicht über der Oberfläche des Smartphones schweben. Berührung ist nicht mehr notwendig. Der Erfolg: Es gibt keinen durch Kontakt mit menschlicher Haut verursachten peinlichen Fett- und Schmutzfilm mehr auf der Bedieneroberfläche. Wie mächtig sind doch in unserer hochtechnisierten Gesellschaft die Kräfte, die Leibhaftigkeit unserer Existenz zunehmend zu eliminieren und virtuell zu erübrigen.

»Ich weiß gar nicht, ob ich das kann«, sagt meine Tochter im Blick auf das Werbeversprechen der Herstellerfirma, »ich bin sicher, dass mein Finger das Smartphone berühren will.« Müssen wir uns nicht Gewalt antun, wenn wir etwas nicht berühren können oder dürfen? Ist es nicht beispielsweise im Museum eine fast körperliche Qual, wenn wir vor einer Skulptur stehen, das Schild »Bitte nicht berühren« lesen und so unser menschliches Bedürfnis nach leiblicher Kontaktaufnahme zügeln müssen?

Kürzlich wurde mir in meinem Fitness-Center ein Werbegeschenk in Gestalt einer kleinen Deo-Spraydose überreicht. Als ich die Aufschrift »Hochleistungsdeodorant, 72 Stunden Schutz vor Schweiß und Körpergeruch« las, musste ich zunächst schmunzeln. Drei Tage kein Geruch, kein Austritt peinlicher Körpersäfte, prima. Doch dann wurde ich nachdenklich angesichts der Dynamik, mit der unsere Körper und das, was an ihnen peinlich sein könnte, ausgelöscht werden sollen.

Wer sich heute als Mädchen – und auch als Junge – im Schimmbad oder beim Sport noch mit Achsel- oder Beinbehaarung zeigt, läuft Gefahr, sich dem Spott der anderen auszusetzen – als wäre er gerade dem Dschungel entronnen. Reine Haut und haarlose Nacktheit sind zu Symbolen einer Realität geworden, die Menschen danach beurteilt, wie sehr sie in der Lage sind, ihren Körper zu domestizieren – immer in der Sorge, dass das Menschliche, das Natürliche sich doch noch Bahn bricht, trotz Deo, Rasierer und Parfum.

Der Philosoph Günther Anders sprach schon in den 1960er-Jahren von der »Antiquiertheit des Menschen«. Er war der Ansicht, dass der Mensch es in Zeiten zunehmender Technisierung nicht mehr erträgt, ein Wesen aus Fleisch und Blut, mit Haut und Haaren zu sein. Er beneide daher die Maschine und wolle ihr immer ähnlicher werden: so glänzend, unbehaart, geruchlos und ohne Falten. Der Mensch müsse die Maschine um ihr p

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