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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2012
Satte Geschäfte
Wie Spekulanten Hunger machen
Der Inhalt:

»Das schwarze Schaf«

von Sara Mierzwa vom 04.07.2012
Leben ohne Plan: Julian S. (21) geht vormittags in der Fußgängerzone schnorren und backt nachmittags gerne Brot

Punk? – Nein, gar nicht. Wenn man mich in eine Schublade stecken will, dann eher als Hippie. Ich stehe morgens früh auf, zwischen sieben und acht. Dann sitzen wir in der Fußgängerzone, um zu schnorren. Dabei habe ich immer alles mit: einen Schlafsack, Klamotten, eine Zahnbürste, ein Buch. Am Sonntag oder bei Regen muss man sich auch mal in den Bahnhof setzen. Da ist nicht so viel los in der Stadt. Montags läuft das auch ein bisschen schlecht. Da kommen die Leute aus dem Wochenende. Müssen wieder arbeiten, haben schlechte Laune.

Viele, die vorbeilaufen, sind voll unglücklich und angepisst. Mich stört, wie Menschen miteinander umgehen. Wenig Hilfsbereitschaft, das ist schon ätzend! Ich sehe auch bei anderen Menschen, dass die nicht so tolerant sind. Die denken: Ihr könnt ja nicht richtig ticken, so planlos, wie ihr seid. Wenn Leute vorbeikommen, mit einem nett reden und einem ’nen Fünfer in die Hand drücken: Das ist cool. Aber es gibt auch Leute, die einem wünschen, dass man behindert wird, damit man weiß, wie es ist, am Boden zu kriechen. Der Standardspruch ist: Geh arbeiten! Ich arbeite nicht. Ein griechischer Philosoph hat mal gesagt: Die Leute arbeiten, um im Alter nicht mehr arbeiten zu müssen. Also kann ich auch gleich so leben. So seh ich das. Es wär schön, wenn man wüsste, dass regelmäßig Geld reinkommt. Aber Arbeiten? Das ist mir das dann doch nicht wert. Ich leb eher mit meinen Hobbys: Musik, Zeichnen. Als ich klein war, musste ich Trompete lernen. Da hab ich keinen Bock drauf gehabt. Mein Didgeridoo hab ich erst seit letzter Woche. Ich habe es auf dem Flohmarkt gefunden, da hab ich mich voll drüber gefreut. Hab gemerkt, das macht total viel Spaß, und wollte das weiter spielen. Ohne Musik lässt es sich bei Weitem nicht so gut leben! In meinem Nacken habe ich ein hinduistisches Om tätowiert. Das ist der Urton, der bleibt, wenn die Welt verstummt.

Nach dem Schnorren geht es zurück nach Hause. Da wohnen wir halt mit ein paar Chaoten zusammen. Ich bin der Jüngste mit 21 Jahren. Wir teilen alles miteinander, wie in einer großen Gemeinschaft: Jeder schmeißt das, was er hat, in nen Topf, und dann wird geguckt, wie man über den Monat kommt. Einkaufen, Kochen, Rumsitzen, Kiffen, mit Leuten quatschen: Das wär ein relativ typischer Tagesablauf. Wir kochen alles Mögliche: Chili, Pizza. Ich back auch Brot – frisch gebackenes Brot is’ schon was Geiles.

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