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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2020
Erbsünde Rassismus
Schwarze Befreiungstheologie von der Sklaverei bis zur Ermordung George Floyds
Der Inhalt:

»Tschernobyl nicht vergessen«

von Katrin Schreiter vom 26.06.2020
Barbara Koll betreut Kinder aus der Katastrophen-Region, die Ferien in Niedersachsen machen

Ich habe an alle Kinder aus der Region um Tschernobyl, die wir für diesen Sommer eingeladen hatten, einen Brief geschickt – mit einem weinenden und einem lachenden Smiley. Der weinende steht dafür, dass wir uns in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie nicht sehen können, der lachende für das Versprechen, dass sie im nächsten Jahr kommen.

Die Hannoversche Landeskirche lädt seit 29 Jahren Kinder aus der Katastrophenregion um Tschernobyl ein, in Niedersachsen ihre Sommerferien zu verbringen. Ich bin von Anfang an dabei und koordiniere die Hilfsaktion für den Kirchenkreis Rotenburg-Wümme. Doch nun hat das Virus alles lahmgelegt. Das gibt mir die Zeit, zurückzublicken.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie erschrocken mein Mann und ich 1986 waren, als die Reaktor-Katastrophe passierte. Unsere Kinder waren klein – und wir hatten plötzlich große Angst um sie. Unsere Gedanken waren aber auch bei den Menschen in der betroffenen Region. Als die Landeskirche die Ferienaktion ins Leben rief, machten wir mit.

Wir hatten Kinder und Familien bei uns zu Hause. Auch für die rund vierzig Kinder, die jedes Jahr in der Villa Heidenhof, einem Kinder-Ferienhaus, zu Gast sind, bin ich verantwortlich, gemeinsam mit ihren Betreuerinnen und Dolmetscherinnen. Mir ist besonders wichtig, dass die Kinder gutes Essen bekommen. Wer aus einem verstrahlten Gebiet kommt, braucht unbedingt gesunde Kost, um sein Immunsystem zu stärken. Beim Essenzubereiten beziehen wir mittlerweile alle mit ein. Auch bei anderen kleinen Arbeiten. Das war nicht immer so: Am Anfang habe ich alles selbst gemacht – und war dann abends immer völlig geschafft. Ich habe lernen müssen, Aufgaben abzugeben. Und das ist gut so. Unsere Gäste fühlen sich damit wohler und wir pflegen dadurch eine gute Gemeinschaft.

Viele Male habe ich auch schon unsere Gäste in ihrer Heimat besucht und für einige Wochen mit ihnen in beengten Verhältnissen gelebt, ihre offenen Türen und ihre Gastfreundschaft genossen. Was für uns in Deutschland so selbstverständlich ist, ist dort Luxus. Mein Mann und ich bemühen uns deshalb nun auch mehr um einen bewussten Umgang mit dem Konsum. Ich hoffe sehr, dass wir die Kinder nächstes Jahr wieder einladen können. Denn die Strahlenbelastung ist immer noch hoch – es gibt auch 34 Jahre nach dem Reaktor-Unglück keinen Grund, Tschernobyl zu vergessen

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