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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2019
Was ist heilig?
Der Inhalt:

Dienstags … beim
Containern: Die Rettung der Lauchzwiebel

von Viola Rüdele vom 21.06.2019
Brot, Bananen, Paprika: Junge Leute wühlen im Abfall, um weggeworfene Lebensmittel zu bergen – und müssen sich dabei verstecken. Ein Abend beim »Containern« hinterm Supermarkt

Die schwarze Mülltonne steht auf dem Parkplatz eines großen Supermarkts. Es ist dunkel, der Markt hat an diesem späten Dienstagabend schon geschlossen. Licht spendet nur Hannahs Stirnlampe. Die 23-jährige Studentin öffnet die Mülltonne und leuchtet hinein. Auf den ersten Blick sieht man viele lose Blätter, die wohl mal zu einem Kohlrabi oder Kohl gehört haben, und eine faulige Honigmelone. Es riecht nach Vergammeltem. »Manchmal kippen die Angestellten des Supermarktes auch fertigen Nudelsalat in die Tonne. Das kostet dann schon Überwindung, da hineinzugreifen und die brauchbaren Lebensmittel herauszufischen«, sagt Hannah. Aber das hier sieht besser aus. Hannahs Arm verschwindet fast komplett in der Tonne. Sie findet eine Zwiebel, die sie sogleich in ihre Tasche steckt.

»Containern« nennt sich dieses nächtliche Fischen in den Mülltonnen der Supermärkte. Hannah nennt es »Lebensmittel retten«. Das Containern dient nicht nur der Unterstützung knapper Haushaltskassen, sondern vor allem der Nachhaltigkeit und der Wertschätzung der Nahrungsmittel, die hier so achtlos entsorgt werden. Nach einer Studie der Umweltorganisation WWF werden allein in Deutschland jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, davon 2,5 Millionen im Groß- und Einzelhandel. Neunzig Prozent dieser gigantischen organischen Müllmenge hält der WWF für vermeidbar.

Bevor Hannah mit ihrem Fahrrad auf den Parkplatz abgebogen ist, hat sie sich kurz umgeschaut. Denn das, was sie hier tut, ist offiziell verboten. Ihren richtigen Namen und ihren Wohnort will sie deshalb nicht öffentlich machen. Containern gilt in Deutschland als Diebstahl, die weggeworfenen Lebensmittel gelten als Besitz des Supermarktes. Wenn Nahrungsmittel aus umzäunten Mülltonnen entnommen werden, wird das außerdem als Hausfriedensbruch geahndet. In München sind zwei Frauen deshalb zu einer Geldbuße von je 225 Euro auf Bewährung verurteilt worden. Hamburgs Justizminister Till Steffen von den »Grünen« hat seinen Amtskollegen jüngst vorgeschlagen, das Containern nicht mehr zu bestrafen, aber die Justizministerkonferenz hat das abgelehnt. Steffen sucht nun nach anderen Lösungen für sein Bundesland, so könnten solche Verfahren in Hamburg wegen Geringfügigkeit eingestellt werden.

Hannah selbst ist noch nie von der Polizei überrascht worden, zwei ihrer Bekannten schon. Die Polizei hat die Sache dann aber nicht weiter verfolgt. Einmal wu

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