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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2018
Streit ums Abendmahl
Der Ökumene droht der Totalschaden
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Wie schön wir sind

vom 22.06.2018

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Wir hängen alle mit drin im Wahnsinn der digitalen Postmoderne, die eine mehr, der andere weniger. Lassen Sie uns eine Selbsthilfegruppe gründen! Ich fange gerne an. Ich heiße Anne, und ich bin eine Instagram-Mutter. Daran ist, wie so oft, meine Freundin Jule schuld. Jule mit ihrem leider gigantischen Talent als Fotografin. Sie kam kürzlich mit ihrer Kamera zu Besuch. Weil ich fand, dass wir (neuerdings zu fünft) endlich mal ordentliche Familienbilder brauchten. Das Problem: Abgesehen von den Kindern sehen wir nur ziemlich mittelgut aus, nett gesagt. Wir sind mittelalt, und das Leben hat seine Spuren an uns hinterlassen. Da muss eine richtig gute Fotografin her. Und was soll ich sagen? Jule hat ganze Arbeit geleistet.

Keine Stunde war sie bei uns, und schon gibt es unser Familienleben in Hochglanz. In diesem künstlichen, aber wie beiläufig eingefangenen Hochglanz – der Währung der sozialen Netzwerke. Die Kinder lümmeln zwischen Butterblumen im Garten. Die Siebenjährige schaut ausdrucksstark unter einem Rosenstrauch in die Ferne. Beim Familienfoto auf unserer Jugendstilcouch ragen ein Tomatenpflänzchen und ein Holzregenbogen vom Waldorf-Basar ins Bild. Töchter und Sohn tragen farblich aufeinander abgestimmte Shirts und Kleidchen eines dänischen Bio-Kindermode-Labels. Und auf dem Tisch steht das eben mal schnell abgestaubte Retroglas mit Orangenmarmelade aus der Küche einer guten Freundin, die nicht wusste, dass wir keine Orangenmarmelade mögen. Glücklicherweise habe ich dran gedacht, noch schnell das Nutella wegzuräumen ...

Ja, so sind wir. Wir lachen uns an, wir mögen Selbstgemachtes und die Natur. Jule macht Bilder, auf denen die zwei großen Kinder wie versunken Lego bauen, einträchtig nebeneinander sitzend. Im Gegenlicht vor dem Designerstuhl (leider eine Replik). Wir streiten nie. Fernsehen finden wir alle blöd. Familie ist schön.

Unser Leben sieht so gut aus!

Kaum sind die Bilder da, gestalte ich ein Fotobuch. Aber da sitzt ein Teufelchen auf meiner Schulter und flüstert: »Gib zu, das reicht dir nicht. Jeder soll sehen, wie perfekt es gerade läuft bei dir. Ohne Babyspucke auf der Schulter und schlaflose Nächte, ohne die Trotzanfälle vor dem Kindergarten und Selbstzweifel, ohne die Dauergenervtheit und den ewigen Wunsch nach einfach nur zehn Minuten Ruhe.

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