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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2018
Streit ums Abendmahl
Der Ökumene droht der Totalschaden
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Mein Geld verstecke ich in den Socken«

von Toni Keppeler vom 22.06.2018
Josué Arturo López, 26 Jahre, arbeitet in einem Café in der Hauptstadt von El Salvador. Und kämpft täglich ums Überleben

Mein Tag beginnt immer sehr früh: Um 4.20 Uhr läutet der Wecker. Die Kleider liegen dann schon bereit, ich hab sie am Abend gebügelt. Um fünf Uhr gehe ich aus dem Haus und gehe zehn Minuten zu Fuß bis zur Bushaltestelle. Um diese Zeit ist es noch Nacht in San Salvador. Manchmal kommt gleich ein Bus, oft muss ich warten. Die Gegend, in der ich wohne, gehört zum Einflussbereich der Mara Salvatrucha, einer gefährlichen Jugendbande. Aber um diese Zeit sind ihre Mitglieder noch nicht unterwegs. Höchstens ein verschlafener Typ, der dich um einen Dollar für einen Schluck Schnaps anbettelt. Ich wohne noch nicht lange hier in San Jacinto, einem alten Stadtviertel in der Nähe des Zentrums. Bislang ist mir noch nichts passiert. Das mag daran liegen, dass ich schon vorher in einem Viertel gewohnt habe, das von derselben Mara kontrolliert wird und die mich kennen. Aber man weiß nie.

Meine Arbeit in einem Café fängt um sechs Uhr an. Wir liefern auch Essen für Firmen und Feste aus, ich bin dort eigentlich für alles zuständig. Zuerst helfe ich meinen Kolleginnen beim Bedienen der ersten Gäste. Lächeln ist Pflicht, auch wenn man sich mit Problemen herumschlägt. Wenn der Ansturm des Frühstücks bewältigt ist, helfe ich in der Küche. Ich kümmere mich um die Backwaren: Brot, Kuchen, Torten, wir haben auch salziges Gebäck mit Fleischfüllung. Und weil ich der einzige Angestellte bin, der einen Führerschein hat, übernehme ich auch die Auslieferung und den Einkauf mit dem Lieferwagen. Oft stehe ich dabei stundenlang im Stau, in der tropischen Hitze, der Wagen hat keine Klimaanlage. Der Verkehr wird immer schlimmer. Es werden zwar neue Stadtautobahnen gebaut, aber die Zahl der Autos wächst schneller als die Straßen.

Normalerweise bin ich nachmittags um vier mit der Arbeit fertig. Um diese Zeit brauche ich eineinhalb Stunden für den Heimweg, obwohl das nur rund drei Kilometer sind. Man muss durchs Zentrum von San Salvador, und dort verhaken sich Busse und Autos ineinander, und man steht einfach nur und wartet. Im Zentrum fühle ich mich immer sehr unwohl. Dort werden Busse am häufigsten überfallen, auch am helllichten Tag. Ich verstecke mein Geld immer in den Socken. Vor einem Jahr bin ich an einer Bushaltestelle überfallen worden, nach Einbruch der Dunkelheit. Es ging gut, sie haben mir nur das Mobiltelefon weggenommen.

Am Abend koche ich für mich und plaudere ein bisschen mit der Familie.

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