Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2017
Im Herzen die Freiheit
Iran: Reise in ein Land der Widersprüche
Der Inhalt:

Diakonie und Caritas: Jetzt ist Zeit zum Umdenken

von Herbert Koch vom 23.06.2017
Was ihr dem Geringsten getan habt: Worauf es wirklich ankommt

Er wolle »dem Herrn dienen in seinen Elenden und Armen«, schrieb der Gründer der diakonischen Anstalten in Neuendettelsau, Pfarrer Wilhelm Löhe, im Jahr 1854. Elende und Arme gab es damals reichlich. Die miserabel entlohnte Schwerstarbeit der industriellen Revolution hatte sie hervorgebracht. Auf die Frage nach seinem eigenen Lohn antwortete Löhe: »Mein Lohn ist, dass ich dienen darf.« Hier zeigt sich die Hingabe an ein Handeln, dessen Wertschätzung sich nicht in materieller Vergütung ausdrückt, sondern von woanders her kommt. Soziales Engagement erscheint als etwas Übernormales, das eigentlich nur Diakonissen und Ordensschwestern oder -brüdern möglich ist und darüber hinaus das wahrhaft Christliche definiert.

Biblisch begründet wird dies mit der Jesusrede »Vom Weltgericht« (Matthäus 25, 31-46). Jesus fungiert darin aber nicht als Richter, sondern als ein König, der wissen lässt, wer die Erben seines Reiches sind. Nämlich die, von denen er sagt, sie hätten ihm in vielen Nöten Gutes getan: »Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben …« Diese können sich daran nicht erinnern und fragen zurück, wann das gewesen sei. Worauf sie hören: »Was ihr für einen der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.« Darin hat der Text seine Pointe: Was sie taten, war ihnen selbstverständlich. Die Not allein hat sie zum Handeln motiviert und nichts sonst. Auch nicht die Aussicht auf das Reich Gottes. Das ist jesuanischer Geist, wie er sich auch im Gleichnis des barmherzigen Samariters zeigt.

Als Deutschland mit dem frühkapitalistischen Massenelend überfordert war, sprangen ihm die Kirchen bei, indem sie die als Diakonie und Caritas bezeichneten Organisationsformen »christlicher Liebestätigkeit« schufen. Das war eine große Leistung. Aber es ging nicht nur um hilfreiche Hinwendung zu Menschen, sondern erklärtermaßen auch darum, der revolutionären Infragestellung des Staates den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dadurch wurden sie – gewollt oder unbeabsichtigt – zur Sozialabteilung der theologisch für gottgewollt erklärten Monarchie.

Nach zwei verheerenden Weltkriegen haben die Väter und Mütter des Grundgesetzes allerdings dem Staat selbst um der Menschenwürde willen auferlegt, ein »Sozialstaat« zu sein. Deshalb ist zum Beispiel die Arbeitsruhe am Sonntag durch die Verfassung geschützt. Es stellt sich daher di

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen