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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2016
Schenkt ihnen nicht eure Angst!
Wie rechte Populisten die Gesellschaft spalten
Der Inhalt:

Aufgefallen: Witwer ohne Hass

von Maxim Leo vom 24.06.2016
Antoine Leiris verlor seine Frau bei den Attentaten in Paris im vergangenen November. Trotzdem will er die Terroristen nicht hassen

Dass die Welt sich einfach weiterdreht, begreift Antoine Leiris, als am Vormittag des 17. November 2015 ein Mann vor seiner Wohnungstür steht, der den Stromzähler ablesen will. »Ich dachte, nachdem Hélène gestorben ist, würde die Sonne nicht mehr aufgehen«, sagt er. »Aber nichts da. Das Leben nimmt seinen Lauf, die Zähler werden weiter abgelesen.« Er empfindet die Normalität der anderen auf einmal als Beleidigung, als einen Mangel an Respekt vor seiner toten Geliebten.

Vier Tage zuvor, am Abend des 13. November, war Hélène in der Pariser Konzerthalle Bataclan im Maschinengewehrfeuer islamistischer Terroristen gestorben. Sie war eines der 130 Todesopfer der Anschläge von Paris.

Antoine Leiris ist ein zarter Mann mit großen, staunenden Augen, die sich zu traurigen Schlitzen verengen, sobald ein falsches Wort fällt oder eine Frage zu tief in ihn einzudringen droht. Leiris ist 35 Jahre alt, von Beruf Radiojournalist. In diesen Tagen erscheint in Deutschland sein Buch, in dem er über den Tod seiner Frau schreibt. Es ist ein Buch, das einen immer wieder zum Weinen bringt.

»Diese Geschichte ist über mich gekommen. Sie ist jetzt mein Leben, ich kann das nur noch teilweise kontrollieren«, sagt Leiris. Je länger man mit ihm spricht, desto klarer wird, dass dieses Buch ihn vor den dunkelsten Abgründen gerettet hat. »Ich saß am Computer, um all diese Wörter loszuwerden, die in meinem Kopf wohnen«, sagt er. »Ich tippte sie ein, um sie zum Schweigen zu bringen, damit sie aufhören, sich zu streiten, und mich schlafen lassen.« Er ist nicht der Mann, der seine tote Frau verkauft. Er ist der Mann, der überleben muss. Weil es ja auch noch Melvil gibt, den knapp zwei Jahre alten gemeinsamen Sohn, den Leiris badete und ins Bett brachte, als seine Frau in den Club ging.

Die erste Zeit nach dem Tod zieht sich Antoine Leiris mit seinem Sohn zurück, er meidet die Außenwelt. Er braucht diese Zeit, um Abschied zu nehmen. So sei es ihm gelungen, sein Herz mit Traurigkeit statt mit Hass zu füllen. Er will den Mördern vom Bataclan kein Gefühl zubilligen, sie sollen keinen Platz in seinem Denken bekommen. Wenige Tage nach den Attentaten von Paris verbreitet er über Facebook einen offenen Brief an die Attentäter, um hernach nicht länger an sie denken zu müssen. »Meinen Hass bekommt ihr nicht«, schreibt er. Dieser Te

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