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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2016
Schenkt ihnen nicht eure Angst!
Wie rechte Populisten die Gesellschaft spalten
Der Inhalt:

Der heilige Berg der Männer

von Rudolf Stumberger vom 24.06.2016
Zu Besuch in den orthodoxen Klöstern der Mönchsrepublik Athos

Nur langsam dringt das stete Klopfen in den Traum vor, bis man erwacht und gewahr wird: Es ist fünf Uhr morgens, und einer der Mönche weckt die schlafenden Pilger für den Morgengottesdienst. Sein Pochen an den Türen der Schlafsäle hallt durch die leeren Korridore des Grigoriou-Klosters. Noch ist es dunkle Nacht, und auch die Klosterkirche, in der bereits seit einer Stunde das Gebet in orthodoxem Ritus vor sich geht, ist nur im Vorraum von einigen wenigen Kerzen erhellt. Wie Schatten bewegen sich die schwarz gekleideten Mönche im Hauptraum der Kirche, und ihr Gesang steigt durch den Weihrauch auf in die Kuppel. Zwischen den goldgefassten Ikonen und Reliquien entfaltet sich die Liturgie, und die Zeit scheint um das flackernde Licht der Kerzenflammen zu kreisen. Und dann wird im Hauptraum das Licht entzündet und die Mönche verlassen schnellen Schrittes das Katholikon. Es ist nun sieben Uhr am Morgen, und die Sonne schickt ihre Strahlen über das ägäische Meer und taucht das Kloster in ihr wärmendes Licht. Auf Athos, der griechischen Mönchsrepublik, beginnt ein neuer Tag.

Der Weg hierher war lang und mühsam. Vor zwei Tagen bin ich vom Kloster Lavras, dem ältesten der insgesamt zwanzig Athos-Klöster, früh am Morgen aufgebrochen. Der Weg führt entlang auf einem der alten Monopati – mit Steinen befestigte Pfade. Langsam beginnt das Gewicht des Rucksacks zu drücken, denn wer auf Athos zu Fuß unterwegs sein will, sollte die entsprechende Ausrüstung dabei haben: Wasser, Essen, ein Schlafsack für den Notfall. Denn zu kaufen gibt es abseits der Hauptstadt Karyes nichts. Die Abwesenheit von Waren und Konsum ist absolut. Unterkunft und Verpflegung der Pilger ist nur durch die Gastfreundschaft der Klöster gewährt. Die Mönchsrepublik ist eine eigene Welt. Eine Welt des Glaubens und der Männer.

Es ist einen Tag her, seitdem ich diese Welt betreten habe – mit dem »Diamonitirio« in der Tasche. Das ist das Einreisevisum, das man möglichst Monate zuvor bei dem Pilgerbüro in Thessaloniki beantragen sollte. Ausgehändigt wird einem das Papier dann gegen einen Obolus von dreißig Euro im örtlichen Athos-Büro von Ouranoupolis, einem Hafenort auf dem östlichsten Finger der Chalkidiki-Halbinsel im Norden Griechenlands. Nur von hier aus und nur per Schiff ist die Mönchsrepublik erreichbar. Denn wer die Straße hinter der Stadt weiter entlangfährt, der gelangt schließlich an einen Zaun, der die Mönchsrepublik vom Rest de

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