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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2015
Rettet diese Welt!
Die Umwelt-Enzyklika: Papst Franziskus und sein politischer Sonnengesang
Der Inhalt:

Gute Religion, böse Religion

von Michael Schrom vom 26.06.2015
Wie wir einen fremden Glauben wahrnehmen, liegt auch an unserer Projektion. Ein interreligiöser Streifzug

Wie ist es zu erklären, dass der Islam hierzulande ein äußerst negatives Image hat, der Buddhismus dagegen ein überaus positives? Eine Antwort, die auf dem Kirchentag immer wieder zu hören war, lautete: das liege an der verzerrten Darstellung durch die Medien. Doch diese Erklärung ist zu einfach, meint Volker Zotz, Religionswissenschaftler in Saarbrücken und Fachmann für Buddhismus. Seine These, die er im Zentrum Weltanschauung vortrug, lautet: Der Buddhismus ist eine Projektionsfläche, ein religiöser Sehnsuchtsort für westliche Menschen, weil er hier, anders als Christentum und Islam, weder als dogmatisch noch als bevormundend erlebt wird. Die Gründe für dieser Wahrnehmung lägen zwar weit in der Vergangenheit, seien aber bis heute wirksam.

Schon der erste buddhistische Missionsverein in Deutschland, gegründet im Jahre 1903 durch den Indologen Karl Seidenstücker (1876-1936), habe stark mit Idealisierung und Projektion gearbeitet. Seidenstücker, der unter dem Pseudonym Tsong Ka Pa ein Buch über die »Greuel der christ lichen Zivilisation« verfasste, sah die Zukunft der Religion in Asien. Der Buddhismus galt ihm im Unterschied zum konfessionell zerstrittenen und national aufgeladenen Christentum seiner Zeit als friedliebend, gesetzesfrei, wissenschaftskonform, kurz: als Ansammlung vorbildhafter und heiligmäßig lebender Menschen. Diese Wahrnehmung habe sich im Westen, so Zotz, bis heute gehalten, und zwar erstaunlicherweise unabhängig von den gewaltigen Umbrüchen in Wissenschaft und Gesellschaft.

Buddhistische Lehren gelten als vereinbar mit den Erkenntnissen der Quantenphysik, christliche und islamische Gottesbilder dagegen als überholte Mythologien, die keine Brücke zur heutigen Welterfahrung schlagen könnten. Doch so einfach ist es nicht, meint Zotz. Schon der Überbegriff »der Buddhismus« sei eine westliche Projektion. Denn im Unterschied zu Christentum und Islam habe »der« Buddhismus nie einen eigenen Kanon, eine Sammlung verbindlicher heiliger Texte entwickelt. »Tibetische heilige Schriften gelten zum Beispiel in Sri Lanka als häretisch und gefährlich. In der Frage, ob das Nirwana eine Sphäre der ewigen Seligkeit oder des vollkommenen Erlöschens ist, gehen die Lehrmeinungen weit auseinander.«

Diese Einschätzung bestätigt Susanne Matsudo-Kiliani, Beauftragte für den interreligiösen Dialog in der Deutschen Buddhistischen Union. Innerhalb buddhistischer Traditionsli

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