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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2015
Rettet diese Welt!
Die Umwelt-Enzyklika: Papst Franziskus und sein politischer Sonnengesang
Der Inhalt:

»Dann hört mich mal einer«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 26.06.2015
Theater im Knast: In Wiesbaden führen Häftlinge eigene Texte auf. Und vergessen dabei die Gefängnismauern

Ein blaues Rolltor markiert den Eingang zum Gefängnis. Auf der Mauer glänzt Stacheldraht in der Sonne. Wer die schwere Eisentür passieren will, muss Handy und Personalausweis an der Pforte abgeben. Schwer zu glauben, dass hier, hinter den vergitterten Fenstern der Justizvollzugsanstalt Wiesbaden, literarische Texte gelesen, Gedichte geschrieben oder Theaterstücke auf die Bühne gebracht werden.

Doch dann trifft man sie, die Jungs, die im Innenhof des Gefängnisses stehen und kurz vor der Probe noch mal eben eine Zigarette drehen: Sven und Andi, die demnächst auf der Bühne stehen werden (die Namen der Gefangenen wurden geändert). Sie schauen auf die hohe, graue Mauer, blasen Rauchwolken in die Luft. »Ich hatte am Anfang schon Angst, vor Publikum aufzutreten«, sagt Andi. »Aber ich will meine Angst überwinden, irgendwann muss ich das ja mal lernen.« Er streckt sich, sein T-Shirt rutscht ein Stück nach oben, und auf seinem Arm wird ein Tattoo sichtbar.

Noch zwei Wochen bis zur Premiere, dann wird hier im Gefängnis Rilke auf die Bühne gebracht – zusammen mit Musik und Texten, die die Gefangenen selbst geschrieben haben. Eine »szenisch-musikalische Collage« nennt es der Regisseur Arne Dechow, der hier seit sieben Jahren mit den Gefangenen Theater macht. Die Werft heißt das Modellprojekt, das von der JVA, einem Förderverein und der Kultur- und Filmproduktion Involve ins Leben gerufen wurde. Seit 2013 gibt es auf dem Knastgelände sogar ein eigenes Theater mit Plätzen für achtzig Besucher.

»Los geht’s!«, ruft Regisseur Arne. Die Bühne ist schwarz und leer, der Raum dunkel. »Ey, was hast’n da?«, fragt Andi und schielt auf das Blatt Papier, das Sven in seinen Händen hält. »Haste was geschrieben?« Nach einigem Zögern hält Sven dem Mitgefangenen sein Gedicht hin, in seiner Miene spiegelt sich eine Mischung aus Scham und Stolz. »Das ist von dir? Echt jetzt? Willste das etwa vorlesen?«, fragt Andi. Dann nimmt er die Vorbehalte gegen die Aufführung schon vorweg: »Da kommt doch keiner. Höchstens ein paar Leute, die mal ’nen Knacki sehen wollen.« Aber Sven reißt ihm das Blatt Papier aus den Händen, schreit: »Ist doch egal, Mann! Dann hört mich mal einer. Hört mir zu!«

Es kostet Überwindung

Die szenische Collage,

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