Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2019
Auf der Kippe
Welche Zukunft hat die evangelische Kirche?
Der Inhalt:

Von Bäumen und heiligem Widerstand

von Claudia Mende vom 07.06.2019
Sie wollen politischen Aktivismus und Spiritualität vereinen. Auf einem Symposion wurde klar: Mit herkömmlichen Religionen kann die Bewegung »sacred activism« wenig anfangen. Sie denkt Spiritualität ganz anders

Vielleicht wissen ja die Bäume Rat? Menschen haben die Welt an den Abgrund gebracht und die Natur ihrer Gier unterworfen. Ein radikales Umdenken ist notwendig, um die weitere Zerstörung zu stoppen. Können Bäume das besser wissen als Menschen? Mit dieser Frage sind etwa zwanzig Männer und Frauen, die Ende Mai im bayerischen Sulzbrunn an einem Symposion teilnehmen, ausgeschwärmt. Junge und Alte sind dabei. Auf Bitten der Workshopleiter haben sie die Bäume befragt. Sie sind hinausgegangen auf die Wiesen und haben sich jeweils einen Baum gesucht.

Nun sitzen sie in einem großen Kreis auf Kissen am Boden und berichten mit leiser Stimme von ihren Erlebnissen. Einige liegen entspannt, andere sitzen in Meditationshaltung und haben die Augen geschlossen. Ein Duft von Sandelholz liegt in der Luft. Sie habe Trauer verspürt, als sie einen Baum berührte, sagt eine junge Teilnehmerin nach einer Weile in die Stille hinein. Hier könne er frei wachsen, aber sie fühle mit den einbetonierten Bäumen in der Stadt. Gleichzeitig habe sie tief empfunden, wie heilig das Leben sei und wie unglaublich schön. Sich selbst und die Verbundenheit mit der Natur zu spüren ist ein wichtiger Teil des Symposions »sacred activism« (»Heiliger Widerstand«) im Ökodorf Sulzbrunn bei Kempten im Allgäu. 150 Aktive treffen sich Ende Mai in dem Dorf zwischen Wiesen und Bauernhöfen. Sie diskutieren, meditieren, tanzen, weinen und lachen vier Tage lang. Erfahrene Pioniere stellen ihre ganzheitlichen Ansätze für eine bessere Welt vor und diskutieren mit jungen Klimaaktivisten; »Rebellen des Friedens« berichten über ihren Einsatz für Frieden in Israel und Palästina, ihren Kampf gegen Ölpipelines und Uranabbau.

Sie wollen der Macht der Konzerne, Militärs und Mächtigen dieser Welt etwas entgegensetzen, das größer ist als »nur« politischer Widerstand: die Macht der Liebe zu allem Lebendigen. Um dies auch zu erfahren, bietet das Symposion neben Vorträgen und Diskussionen viel Raum für innere Erlebnisse, Naturbegegnungen, Körperarbeit, Kunst, Theater und Imagination. In den Pausen erinnert die Stimmung trotz der schweren Themen an ein »Happening«: Junge Menschen mit Indienhosen und Rastalocken sitzen in kleinen Gruppen im Gras, spielen Gitarre und singen Lieder. Mütter stillen ihre Babys, Väter füttern Kleinkinder, während Ältere Kreistänze aufführen und indigene Aktivisten aus den USA traditionelle Würfelspiele vorstellen.

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen