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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2019
Auf der Kippe
Welche Zukunft hat die evangelische Kirche?
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Mein Sohn wurde verschleppt«

Der Kolumbianerin Fabiola Lalinde (81) hat aufgedeckt: Ihr Sohn wurde vom Militär ermordet

Als sich mein Sohn Luis Fernando am Mittwoch, den 3. Oktober 1984, nicht bei mir meldete, wurde ich unruhig, am Tag darauf nervös, und schließlich bekam ich Angst. Ich fing an, ihn zu suchen. Ihm musste etwas passiert sein. Es hat lange gedauert, bis ich herausgefunden habe, dass die Armee meinen Sohn verschleppt und getötet hat. Noch länger dauerte es, bis ich wusste, wer dafür verantwortlich war und es auch beweisen konnte. All das habe ich gemeinsam mit meiner Tochter Adriana und einem Filmteam in Szene gesetzt. In »Operación Cirirí« haben wir das gewaltsame Verschwinden meines Sohnes und meine Suche nach seinen Überresten aufgearbeitet – eine Suche, die mich 34 Jahre beschäftigt hat und erst vor ein paar Monaten für mich endete.

Ich bin alt, mein Kopf will nicht mehr so wie früher. Aber mit dem Film und der Übergabe meines Archivs an die Universität von Medellín habe ich dafür gesorgt, dass Luis Fernando weiterlebt. Solange über ihn gesprochen wird, lebt er. Davon bin ich überzeugt. Die Studenten, die mit den Informationen aus meinem Archiv arbeiten und sein gewaltsames Verschwinden mit anderen Fällen vergleichen, halten ihn am Leben. Der Film und das Archiv sind mein Beitrag, um das gewaltsame Verschwindenlassen von Menschen in Kolumbien zu ächten.

Mein Sohn war Mitglied der marxistisch-leninistischen Jugendorganisation der kommunistischen Partei. Von ihr war er als Beobachter der Friedensverhandlungen zwischen der Regierung des damaligen Präsidenten Belisario Betancur und der maoistischen EPL-Guerilla in eine Region rund 130 Kilometer südöstlich von Medellín geschickt worden. Das war sein Verhängnis, denn die Armee griff damals die verhandlungsbereite Guerilla an, torpedierte den Friedensprozess