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Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2019
Auf der Kippe
Welche Zukunft hat die evangelische Kirche?
Der Inhalt:

Der blanke Nerv der Zeit

Rücktritt Andrea Nahles (SPD): Die Halbwertszeit von Politik wird immer kürzer

Das war noch eine liebe Zeit, die gute alte Zeit, in Bonn gleich gar. Damals hat noch der Herr Adenauer regiert, ein ausgeruhter alter Mann, denn in seinem Bungalow zwischen Bundeskanzleramt und dem Palais Schaumburg pflegte er Mittagsschlaf zu halten. Das regelmäßige nachmittägliche Dösen trug vielleicht auch bei Karl dem Großen, bei Albert Einstein, Winston Churchill und Salvador Dali, dazu bei, dass sie so überaus wach waren und Geschichte schreibend die Zeit überdauerten.

Die modernen, hektischen Zeiten sind keine liebe Zeit, im Politischen gleich gar nicht. Merkmal unserer Zeit ist, dass keine Zeit ist. Und ausgerechnet dort, wo über Wohl und Wehe einer Nation oder der Welt entschieden wird, wo es um das Schicksal aller geht, dort herrscht größter Mangel an Zeit. Erstens, weil die Zeit objektiv drängt. Zweitens, weil man Entscheidungsträgern keine mehr lässt. Stattdessen andauerndes Getriebensein von einer überlauten Kakophonie nimmermüder Medien- und Politikbetriebe, die sich gegenseitig anstacheln und überdrehen.

Andrea Nahles war ein Jahr im Amt und ist schon wieder weg. Der Verschleiß an Parteivorsitzenden in der SPD nähert sich dem Verbrauch von Trainern in der Bundesliga an. Bei Bundesligisten zählt der schnelle Erfolg. Parteien dagegen müssen einen Meinungsbildungsprozess organisieren und nachhaltige Konzepte entwickeln. Wenn das Personal ständig wechselt, wenn es nach gut einem Jahr Groko demnächst zu Neuwahlen kommen sollte, dann ist Zeit vertan, sind gerade angestoßene Prozesse, Überlegungen und Planungen schon wieder obsolet. Statt Hysterisierung brauchen auch Politiker Entschleunigung und Zutrauen – nicht, um auszuruhen, sondern um komplexe Probleme sorgfältig und klug zu bewältigen