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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2019
Auf der Kippe
Welche Zukunft hat die evangelische Kirche?
Der Inhalt:

Dem Guten einen Namen geben

von Judith Rubatscher vom 07.06.2019

Erich Hackl ist ein Chronist: Er schreibt auf, was droht vergessen zu werden. In seinem jüngsten Buch »Am Seil – eine Heldengeschichte« erzählt er von dem Kunsthandwerker und leidenschaftlichen Bergführer Reinhold Duschka, der während der Zeit des Naziterrors in Wien lebt und in seiner Werkstatt die Jüdin Regina Steinig und ihre kleine Tochter Lucia vier Jahre lang versteckt hält. So rettet er die beiden vor der Deportation in ein Vernichtungslager. Glück und gegenseitiges Vertrauen lassen die drei in der unsichtbaren und äußerst gefährlichen Seilschaft überleben, in der sie an den tiefsten Abgründen der Menschlichkeit entlangwandern. Nach dem Krieg trennen sich die Lebenswege der drei Protagonisten. Duschka ist bis zu seinem Tod überzeugt, nichts Heldenhaftes geleistet zu haben, sondern einfach seiner Pflicht als Mensch nachgegangen zu sein. Menschlichkeit und Fehlbarkeit lassen ihn im Roman so nahbar wirken – und stärken beim Lesenden die Zuversicht, dass es Helden auch in einer Welt außerhalb der Buchdeckel geben kann. Erzählt ist das stringent und plastisch, in der Form schlicht und doch sehr detailliert.

Erich Hackl, der keine fiktionale Literatur schreibt, sondern sich ausschließlich der Rekonstruktion wahrer Begebenheiten widmet, hat auch für diesen Roman aufwendig recherchiert und lange Gespräche mit Zeitzeugen geführt. Er zählt zu den wichtigsten Aufarbeitern der nationalsozialistischen Vergangenheit in Österreich; etliche seiner Romane sind dort Schullektüre. 1954 wurde Erich Hackl in Steyr/Oberösterreich geboren. Nach seinem Studium der Germanistik und Hispanistik in Salzburg, Salamanca und Málaga arbeitete er einige Jahre lang als Lehrer und Lektor in Österreich und Spanien. 1987 erschien seine erste Erzählung »Auroras Anlass«. Viele seiner Werke, wie etwa »Abschied von Sidonie«, kreisen um den Nationalsozialismus.

So wie sich der Autor selbst aus der öffentlichen Debatte zurückhält, bleibt auch der Erzähler in seinen Novellen im Hintergrund und gibt die Seiten frei für seine Protagonisten und ihre Geschichte. Scharfe Beobachtungsgabe und empathische Figurenbeschreibung erschaffen eine poetische Welt, deren Inhalte so vertraut und greifbar scheinen wie Kindheitserinnerungen. In dieser Welt erfahren die Leser schmerzliches Unrecht mit einem kindlichen Gefühl für Gerechtigkeit – und dem Guten werden zugleich menschliche Gesichter und Namen gegeben.

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