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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2018
Schluss jetzt!
Chile-Skandal: Überwindet der Papst die Restauration?
Der Inhalt:

»Ich bin demütiger geworden«

Maria Kalin ist Anwältin und hat Flüchtlinge auf Lesbos in Rechtsfragen beraten

Als ich das Elend der Flüchtlinge im Moria-Camp auf der griechischen Insel Lesbos sah, wurde ich traurig. Und es hat mich frustriert. Manchmal hab ich gedacht: Was ich als Anwältin für die Flüchtlinge leiste, ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein! Die rechtliche Beratung, die wir unter dem Dach der European Lawyers für die Flüchtlinge anbieten, reicht nicht aus.

Wir sind Anwälte aus ganz Europa, die für eine begrenzte Zeit ehrenamtlich auf Lesbos arbeiten. Die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, haben mich verändert: Ich verstehe jetzt die geflüchteten Menschen besser, die in meiner Kanzlei in Deutschland vor mir sitzen. Ich bin geduldiger mit ihnen, weil ich gesehen habe, was sie hinter sich haben.

Viele Flüchtlinge haben mir ihre Geschichten in unserem Beratungscontainer im Flüchtlingscamp erzählt. Oft wissen sie gar nicht, welche Rechte ihnen zustehen und was ihnen bei ihrem Asylantrag helfen kann. Ich versuche, sie auf das bevorstehende Verfahren und die Anhörungen vorzubereiten.

Ein Fall hat mich besonders berührt. Der junge Mann war erst sehr verhalten. Dann erzählte er mir, dass er in Afghanistan verprügelt, misshandelt und im Gefängnis vergewaltigt worden war. Der Grund: Er ist homosexuell. Deswegen ist er schließlich geflohen und sucht nun Schutz in Europa. Das wollte er aber bei der Anhörung gar nicht erzählen. Zum einen wusste er nicht, dass seine sexuelle Orientierung positive Auswirkungen auf das Verfahren haben würde, zum anderen war seine Scham zu groß. Wenn ich ihn nicht beraten hätte, wäre sein Antrag vermutlich abgelehnt worden. In solchen Momenten merke ich, wie wichtig unsere Arbeit ist und wie sie mich bereic