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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2018
Schluss jetzt!
Chile-Skandal: Überwindet der Papst die Restauration?
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Achterbahn oder Kinderbibel

vom 08.06.2018

»Ich bin total verzweifelt. Bitte helft mir!« Und tatsächlich: Matthias sah aufgewühlt aus, als er sich vor den Augen unseres Männerkreises in den Sessel fallen ließ und einen dramatischen Seufzer von sich gab.

»Was’n los?«, fragte ich. Matthias schloss kurz die Augen, dann sagte er: »Mein Patenkind wird morgen sieben Jahre alt. Ich habe keine Ahnung, was ich ihm zum Geburtstag schenken soll. Versteht ihr: Das ist eine existenzielle Angelegenheit. Als Pate bin ich schließlich für die geistliche Entwicklung der kleinen Chantal zuständig. Aber ehrlich, ich habe keine Ahnung, wie das geht.« Er hob theatralisch beide Hände und rief gen Himmel: »Wie bringt man einem Kind den Glauben nah?«

»Schenk ihr ’ne Kinderbibel«, schlug Johannes vor. »Hab’ ich schon!« – »Ein Buch mit Gebeten für Kinder?« »Hab’ ich schon!« – »Ein Kreuz zum Umhängen?« »Hab’ ich schon!« – »Eine CD mit religiösen Kinderliedern?« »Mag sie nicht! Was ich gut verstehen kann.« – »Die gesamte Bibel, gelesen von Rufus Beck. Der hat doch auch Harry Potter …«

Matthias verzog das Gesicht. »Das sind doch alles nur irgendwelche Dinge. Und als Pate, der sein Amt ernst nimmt, frage ich mich: Hat Jesus jemals irgendjemandem irgendwas geschenkt, um ihm die Liebe Gottes nahezubringen? Nein! Er hat nie gesagt: ›Hier, Petrus, ein Papyrus mit einem irischen Reisesegen! Häng’ ihn dir doch ins Fischerboot.‹«

Natürlich musste ich bei so einer Geschichtsklitterung sofort den Theologen raushängen lassen: »Nun, so ganz stimmt das natürlich nicht. Jesus hat den Menschen ständig was geschenkt, das ihr Lebensglück enorm gesteigert hat: Gesundheit, Vertrauen, Hoffnung, Liebe …« »Ja, super«, sagte der Pate mit vorwurfsvollem Ton und schaute herausfordernd in die Männerrunde, »dann sagt mir mal, wie ich einem siebenjährigen Mädchen Hoffnung, Liebe oder Gesundheit schenken soll.« Johannes fing an zu grinsen und sagte: »Es gibt doch inzwischen bestimmt auch Wellness-Wochenenden für Kinder. Gurkenmasken mit Smarties-Geschmack oder so.« »Idiot!«

Manfred meldete sich, als wäre er in der Schule. Obwohl ihn keiner drannahm, erklärte er mit Leichenbittermiene: »Du Glücklicher! Mein Patensohn ist 13. Und ich soll mit dem ständig all die bescheuerten Aktionen machen, auf die seine Eltern keinen Bock haben: ›Geh doch mit Benni mal wieder in die Trampolin-Halle. Das findet er so schön.‹

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