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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2017
»Überall schwindet das Vertrauen«
Norbert Lammert über Medien, Demokratie und Kirche
Der Inhalt:

Politik mit der Bergpredigt?

von Eva-Maria Lerch vom 09.06.2017
Jenseits des Mainstreams: Im Kirchentagszentrum von Publik-Forum stellt sich die Frage nach der Verantwortung der Christen in der Welt

Warum macht Publik-Forum ein eigenes Zentrum? Weshalb stehen diese Veranstaltungen nicht im Programmbuch des Evangelischen Kirchentags?« Diese Frage stellen zahlreiche Kirchentagsbesucher, die das Publik-Forum-Zentrum in der Emmauskirche in Kreuzberg, in der Augustinuskirche am Prenzlauer Berg und in den Cranach-Höfen in Wittenberg besuchen. Wolfgang Kessler, der hier als Chefredakteur mehrere Podien moderiert, antwortet einer Besucherin: »Weil solche provokativen Zeitansagen dort nicht erwünscht sind.« Der Kirchentag folge stattdessen immer mehr dem Mainstream. »Wir sehen das als Verpflichtung«, sagt Kessler, »brisante Fragen auf den Kirchentag zu bringen, die dort nicht auf dem Programm stehen.«

So eine brisante Frage stellt sich gleich am ersten Morgen: »Kann man mit der Bergpredigt Politik machen?« Reichskanzler Otto von Bismarck und Bundeskanzler Helmut Schmidt verneinten diese Frage und verwiesen die Weisungen Jesu in den Bereich religiöser Utopie. Bodo Ramelow, der linke Ministerpräsident von Thüringen, wagt sich hier erneut an die Frage heran. »Was für ein zivilisatorischer Text!«, sagt er nach einer Lesung aus der Bergpredigt. Mit dem Gebot der Feindesliebe habe sich Jesus vom Prinzip der Rache verabschiedet und es durch Versöhnung ersetzt. Und das Gebot, dem Götzen Mammon abzuschwören, konfrontiert Ramelow sogleich mit der Gegenwart: »Stellen Sie sich vor, dass diese Sätze vor der Deutschen Bank in Stein gemeißelt wären ...«

Das Heil wurde käuflich

Hier wird das Christentum nicht als bürgerliche Erbauungsreligion, sondern als Aufruf zur Umkehr verstanden, der die Machtverhältnisse unserer Welt radikal infrage stellt. Der Heidelberger evangelische Theologe Ulrich Duchrow sieht sich dabei in der Tradition Martin Luthers, dessen Kampf gegen den Ablasshandel auch dem Frühkapitalismus seiner Zeit gegolten habe: »Selbst das Heil war damals käuflich geworden.« In seiner Flugschrift zum guten Kaufmann habe Luther dagegen für eine Allmende-Wirtschaft plädiert, in der das Eigentum unter gleichen Menschen gemeinsam verwaltet wird. Duchrow kritisiert die Verniedlichung Luthers als »Schokoladenfigur und Gartenzwerg« und fordert eine »Radikalisierung der Reformation«.

Solch theologisch fundierte Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft durchzieht d

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