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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2016
Klare Kante, neue Hoffnung
Der Katholikentag in Leipzig
Der Inhalt:

Ziemlich beste Freundinnen

von Karl Grünberg vom 10.06.2016
Jenny Bießmann (29) hat eine Muskellähmung, sie kann sich allein nicht bewegen. Tini Jarske (37) ist ihre Assistentin, ersetzt ihr die Muskeln – und weiß, dass sie bei diesem Job nicht im Mittelpunkt steht

Jenny und Tini sind ein Team. Sie sind auch befreundet – soweit das geht, wenn die eine die Chefin und die andere ihre Angestellte ist. Wenn die eine sagt, was die andere für sie machen soll. »Tini, kannst du mir ein Glas Wasser bringen?« – »Tini, kannst du noch einmal meine Haare bürsten?« – »Tini, kannst du mich umdrehen?« – »Tini, ich muss aufs Klo.«

»Wenn ich jedes Mal Bitte und Danke sagen würde, wäre ich den ganzen Tag damit beschäftigt«, sagt Jenny. Tini lacht: »Jenny, du sagst immer Bitte und Danke. Zu 98 Prozent.« »Dann fällt es mir gar nicht mehr auf«, sagt Jenny.

Jenny Bießmann ist 29, macht ihren zweiten Bachelor an der Berliner Humboldt-Universität in Erziehungswissenschaften (»Das ist spannend«) und Genderstudies (»Na ja, da muss ich jetzt durch«). Sie hat einen Studentenjob, 15 Stunden die Woche, trifft sich mit Freunden, reist gerne, ist schlagfertig.

Tini Jarske ist 37, Erzieherin, Kommunikationsdesignerin, Barkeeperin und Jennys Assistentin. Tini hat gefärbte Haare, Ringe in der Nase und in den Ohren. Jenny ist ihre Chefin und ihr Job – aber da ist noch mehr. Schließlich fährt sie mehrmals im Monat von ihrer Heimatstadt Hamburg nach Berlin, um für Jenny die Schuhe zu binden, ihr die Haare zu bürsten, für sie zu kochen, Uni-Ordner zu kopieren und Notizen zu machen.

Jenny ist die Normale. Tini ist die Flippige. Wenn sie zusammen unterwegs sind, die eine auf vier Rädern, die andere auf zwei Beinen, dann ist nie ganz klar, wer von den beiden mehr angestarrt wird. Jenny oder Tini. Jenny, weil sie einen kleinen Körper hat, der in einem Rollstuhl sitzt. Tini, weil sie aussieht, wie sie aussieht, dazu die hohen Stiefel, die Sommersprossen und die Basecap.

Vor sechs Jahren fanden sie zueinander. Jenny suchte eine neue Assistentin. Tini suchte einen neuen Job. Jenny, weil sie Hilfe braucht, jede Stunde am Tag, damit sie das tun kann, was alle anderen auch tun: selbstbestimmt leben. Tini, weil sie Neues wollte und weil sie Menschen mag, »die die Welt ein Stückchen besser machen«, wie sie sagt.

»Gleich zum Bewerbungsgespräch kamst du zu spät«, erinnert sich Jenny. »Mein Mofa war kaputt«, sagt Tini. Wie bei jedem ihrer Bewerbungsgespräche machte Jenny gleich klar, worauf es ihr ankommt: Keine Ausbildung als Pflegerin, keine besonderen Erfahrungen als Assistentin. Nein. Wichti

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