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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2016
Klare Kante, neue Hoffnung
Der Katholikentag in Leipzig
Der Inhalt:

Supereltern, Superkinder

von Udo Taubitz vom 10.06.2016
Musikalische Früherziehung, Sport, Lerntherapie: Wie viel Förderung ist gut für Kinder? Der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort warnt vor zu viel Erziehungsehrgeiz

Publik-Forum: Bin ich ein schlechter Vater, wenn meine zehnjährige Tochter neben der Schule Klavierstunden nimmt, Ballett trainiert und einen Mathe-Förderkurs besucht?

Michael Schulte-Markwort: Das hängt davon ab, wie förderlich oder stressig die Aktivitäten für Ihre Tochter sind. Man muss die richtige Balance finden zwischen Fördern und Fordern. Das hängt vom Kind ab und von seiner Entwicklung. Es gibt Phasen, in denen viele Aktivitäten förderlich sind – und in anderen sind sie eher hinderlich.

In Ihrem Buch »Superkids« warnen Sie vor den »Supereltern«, die das Optimum aus ihrem Nachwuchs herausholen wollen. Was ist falsch daran, wenn Eltern möchten, dass sich ihre Kinder optimal entwickeln?

Schulte-Markwort: Erst einmal nichts. Ich freue mich über Eltern, die aufmerksam sind gegenüber ihren Kindern und sich Gedanken machen, wie man sie fördern kann. Aber ich habe den Eindruck, dass wir uns häufig nicht mehr trauen, Kindheit sich einfach entwickeln zu lassen, sondern dass das immer flankiert sein muss. Und dass Eltern dann manchmal Gefahr laufen zu übersehen, dass ihre Kinder eigentlich schon super sind – und sie aus ihnen Superkinder hoch zwei machen möchten. Was dann tatsächlich zu viel des Guten ist.

Aber ganz von allein entwickeln sich Kinder doch nicht, oder?

Schulte-Markwort: Genau. »Bullerbü« ist eine romantische Idee. Und Pippi Langstrumpf von der gleichen schwedischen Autorin Astrid Lindgren wäre kaum lebensfähig. In unserer komplexen Welt kann man Kinder nicht mehr einfach sich selbst überlassen. Die müssen schon auch begleitet werden. Das Entscheidende ist das Maß. Also: Mit wie viel Förderung traktiere ich die Kinder? Und mit wie viel unterstütze ich sie tatsächlich?

Woher kommt diese Angst vieler Eltern, dass ihre Kinder nicht gut genug sein könnten, um in der Welt zu bestehen?

Schulte-Markwort: Wir sehen heute unser ganzes Leben unter den Aspekten von Selbstoptimierung. Wir haben das Gefühl, es reicht nicht, einfach nur zu sein, sondern man muss sich ständig entwickeln – das muss man messen und optimieren. Dieser Optimierungswahn wird auch auf die Erziehungsarbeit übertragen, auf die Kinder. Eltern trauen sich nicht mehr, sich auf ihr Gefühl zu verlass

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