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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2016
Klare Kante, neue Hoffnung
Der Katholikentag in Leipzig
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Luther bei die Fische!

Mein Nachbar lehnt sich über den Gartenzaun, winkt fröhlich und brüllt mir etwas zu. Es klingt wie: »Gell, Herr Pfarrer, die Kirche schämt sich für ihren Luther. «

Verdutzt mache ich den Rasenmäher aus und gehe zu ihm an den Zaun. »Häh? Schämen? Wieso das denn?« Er schmunzelt. »Na ja, ich hab das Gefühl: Viele Evangelische, die sich irgendwo zu Martin Luther äußern, distanzieren sich erst mal von ihm.«

Der Nachbar imitiert eine pastorale, leicht nasale Stimme: »Ja, wir wissen, dass Luther viele dunkle Seiten hatte. Wir verurteilen deshalb mit allem Nachdruck seine Schriften gegen die Juden … und die Hexen … und die Türken.« Seine Stimmparodie klingt überraschend überzeugend, er näselt weiter: »Außerdem hat Luther aus politischem Opportunismus einem Fürsten erlaubt, eine zweite Frau zu heiraten, und, und …« Der Nachbar unterbricht seine Imitation und folgert: »Für mich klingt das, als wäre euch der Luther peinlich.«

Ich tue so, als müsste ich was am Rasenmäher einstellen. Aber mein Nachbar kommt jetzt richtig in Fahrt: »Ich hab auch gelesen, dass das große Fest zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags auf keinen Fall Lutherjubiläum genannt werden darf. Weil das eben zu sehr nach Luther klingt. Selbst das Wort Reformationsjubiläum finden viele zu positiv. Also reden einige jetzt eher von Reformationsgedenken. Oder gar von Christusfest. Damit auch ja keiner mehr merkt, dass das was mit Martin Luther zu tun hat.«

Er klopft auf den Zaunpfosten: »Aber wissen Sie was: Auf so ein ›Gedenken‹ hab ich überhaupt keine Lust. Das klingt so aufregend wie ein Zahnarztbesuch.«

»Nun«, sage ich stotternd in Richtung der Chrysanthemen. »Es gibt schon einige Theologen, die meinen, dass es schöner gewesen wäre, wenn Luther zehn Jahre früher gestorben wäre und seine Spätschriften nicht geschrieben hätte. Das würde heute vieles leichter …«

Er unterbricht mich: »Quatsch! Habt doch einfach mal den Mumm zu sagen: Luther war ein toller Typ. Der hat die Welt verändert. Der hat den Leuten neu gezeigt, dass Glauben was mit Freiheit und Gnade zu tun hat – und dass sie selbstbewusst sein dürfen! Und er war mutig genug, sich vor den Kaiser und den Papst zu stellen und Missstände anzuprangern. Dann haben wir

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