Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2016
Klare Kante, neue Hoffnung
Der Katholikentag in Leipzig
Der Inhalt:

»Ich glaube an das Gute in ihnen«

von Michaela Schneider vom 10.06.2016
Ingrid Pollak leitet eine Kreativgruppe mit Gefangenen in Würzburg. Dabei will sie ihnen auch Werte vermitteln

Seit fast zwanzig Jahren male, gestalte und arbeite ich kreativ mit Inhaftierten in der Würzburger Justizvollzugsanstalt. Ich will mit den Leuten gemeinsam ihre Talente entdecken und ihnen Werte vermitteln: Nur wer regelmäßig kommt, kann an der Gruppe teilnehmen. Angefangene Arbeiten müssen abgeschlossen werden. Ich motiviere sie, sich gegenseitig zu helfen. Neben dem gemeinsamen Arbeiten führen wir oft tiefgehende Gespräche.

Eines Tages schlugen »meine Männer«, so nenne ich die Mitglieder der Kreativgruppe, vor: »Warum sind wir nur für uns kreativ? Wir wollen ein soziales Projekt starten!« Seitdem entwickeln wir gemeinsam Ideen und Aktionen. Unser letztes Projekt waren die »Augenspaziergänge«. Einige der Männer können gut malen. Wir begannen, Bilder für bettlägerige Menschen zu fertigen, die die ganze Zeit die Decke anstarren müssen. Auch die öffentliche Resonanz war unglaublich: Schulen, Kindergärten, Privatleute und Künstler begannen zu malen. Am Ende konnten wir 350 Bilder von 135 Menschen an Altenheime verteilen. Jetzt geht es in der Kreativgruppe ein bisschen ruhiger zu. Wir fertigen einfach möglichst viele Dinge an, um sie für den guten Zweck zu verkaufen.

Durch meine Öffentlichkeitsarbeit möchte ich den Inhaftierten außerhalb der Gefängnismauern eine Stimme geben. Dahin zielte auch die Wanderausstellung »Lebensbrüche« mit rund 200 Exponaten von meinen Männern, die sich um das Leben im Gefängnis drehte. Noch ein anderes Projekt schlug große Wellen. Mit einer Gruppe von Frauen in der JVA wollte ich Schals stricken für Menschen, denen es schlechter geht als den Inhaftierten. Wir gingen mit dem Projekt an die Öffentlichkeit und bekamen nicht nur Wolle und Stricknadeln, sondern auch fertige Schals. Am Ende waren es 2600, die wir – ehe wir sie an 16 Sozialeinrichtungen spendeten – einmal um die komplette Justizvollzugsanstalt spannten.

Zum Engagement in der JVA kam ich über den Vortrag eines Gefängnisseelsorgers. Den Männern begegnete ich von Anfang an ohne Vorbehalte, aber zuerst war ich sehr zaghaft. Heute ist der Umgang mit ihnen für mich selbstverständlich. Ich sage: »Ich glaube an das Gute in euch und habe nicht das Recht, euch zu verurteilen!« Einmal hat mir ein Inhaftierter in einem Brief geschrieben: »In der Kreativgruppe fühle ich mich frei.« Das hat mich sehr bewegt. Und als mein Mann schwer krank war, hat draußen kaum einer gefragt, wie es ihm und mir

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen