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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2016
Klare Kante, neue Hoffnung
Der Katholikentag in Leipzig
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: Dem Abend entgegen

von Anne Strotmann vom 10.06.2016
Einen Monat lang tagsüber nichts essen, nichts trinken. Ramadan ist ein gemeinsames Unterwegssein, sagt Idris Nassery

Ich werde oft gefragt, was der Ramadan für mich bedeutet. Aber es ist so schwierig, etwas zu vermitteln, was ein anderer nie selber erlebt hat. Als wenn ich jemandem beschreiben müsste, wie Wackelpudding schmeckt, der ihn noch nie probiert hat.

Wir Muslime fasten dreißig Tage, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Es hängt vom Stand des Mondes ab: In diesem Jahr beginnt der Ramadan am 6. Juni und endet am 5. Juli. Das Ende wird eingeläutet, wenn der abnehmende Mond nicht mehr zu sehen ist.

Die ersten Tage sind immer sehr anstrengend, und man denkt: Das schaff ich nicht. Oft fehlt mir die Konzentration, wenn ich faste. Ich bin Jurist und Theologe und arbeite an der Uni. Während des Fastens fällt es mir schwer, tagsüber Vorträge zu halten, und ich versuche es zu vermeiden. Aber wenn es nicht anders geht, dann stehe ich eben geschwächt vor dem Publikum und sage, dass ich faste. Jeder kann es mir ansehen. In einer Leistungsgesellschaft, die einem viel abverlangt, zeigt man in diesem Monat Schwäche. Und das ist schön. Der Ramadan nötigt einen dazu, etwas Menschliches zu zeigen.

Ich komme aus Afghanistan und bin als Kind vor dem Bürgerkrieg geflohen. Auch heute, als Erwachsener, reise ich viel. Deshalb habe ich den Vergleich zwischen muslimisch geprägten Ländern und Ländern wie Deutschland, in denen Muslime eine Minderheit sind. In muslimisch geprägten Ländern gibt es im Ramadan eine Gruppendynamik, eine besondere Atmosphäre. Am Tag sind die Straßen und Märkte dort ganz ruhig, und in der Nacht erwachen sie wieder zum Leben. Das ist etwas Einzigartiges.

Auch im Bürgerkrieg hat man es nicht unterlassen, abends zum Fastenbrechen zusammenzukommen. Alle Spiritualität hatte man aus diesem Land weggebombt. Aber noch in der Zerstörung gab es Erfahrungen von Gemeinschaft: Wir hatten nicht mehr viel, aber alles, was noch da war, wurde am Abend auf dem Boden, wo wir saßen, ausgebreitet und mit Nachbarn und Freunden geteilt. Das hat mir gezeigt, was Ramadan für die Gesellschaft bedeutet: Solidarität, Geschwisterlichkeit. Auch wenn das in diesen Zeiten mehr notwendig als freiwillig war. Es hat etwas erweckt, was in Vergessenheit geraten war.

Hier in Deutschland spüre ich gerade im Ramadan wieder die Flucht – das Gefühl, ständig etwas entgegenzureisen und doch nie wirklich heimisch zu sein. Man will die Gemeinschaft suchen, die einen

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