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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2015
Rettet das Singen
Über die Macht der eigenen Stimme
Der Inhalt:

Alisha trifft das »Do«

von Andrea Teupke vom 05.06.2015
Jedes Kind kann singen lernen. Den pfleglichen Umgang mit Kinderstimmen fördert das Projekt Primacanta

»Singend begrüßen wir uns heute« – solange die Klasse 2c einstimmig singt, klingt das richtig schön. Helle, klare Stimmen beteuern, dass »uns das Miteinandersingen so freut«. Aber als Kanon? Die erste Gruppe kann die Melodie nicht lange halten, und auch die zweite Gruppe verheddert sich bald in den vielen verschiedenen Tönen. »Das ist, weil die andern so laut singen«, beschwert sich Melissa. »Bei uns habe ich gar nichts gehört«, widerspricht Jassir. »Kanonsingen ist schwierig«, kommentiert Alisha. »Wenn man das geübt hat, kann man das genießen«, verspricht Musiklehrerin Anne Rumpf. Davon allerdings scheinen die Kinder noch nicht so ganz überzeugt zu sein.

Dabei können die Siebenjährigen schon sehr viel: Melodien singen, Rhythmen erkennen, klopfen und nachsprechen, sogar Tonhöhen bestimmen: Der Grundton, das »Do«, beispielsweise wird mit einer geballten Faust angezeigt, das »Mi«, die große Terz darüber, mit der flachen Hand und das »So«, die Quinte, mit dem Handrücken. »So-so-mi« singt und zeigt die Klasse. »Wer trifft jetzt das Do?«, fragt Anne Rumpf. Alisha traut sich – und singt leise den Grundton. »Solmisation« heißt diese Methode, die es schon seit dem Mittelalter gibt. Sie erlaubt es, Melodien zu beschreiben, ohne Notenschrift lernen zu müssen.

Mit Noten könnten die meisten Kinder hier auch nichts anfangen: Die Henri- Dunant-Schule in Frankfurt-Sossenheim ist das, was man gemeinhin Brennpunktschule nennt. Laut einem Bericht des Jugend- und Sozialamtes von 2013 hält der Stadtteil den traurigen Rekord beim sogenannten »Benachteiligungsindex«. Die Arbeitslosenzahlen sind höher als in den meisten andern Stadtteilen, die Wahlbeteiligung ist niedriger, den Bewohnern steht weniger Wohnfläche zur Verfügung, und fast jedes zweite Kind bezieht Sozialhilfe.

»Wir haben Flüchtlingskinder, die in einem Hotelzimmer aufwachsen«, sagt Anne Rumpf. Klavier oder Flöte zu lernen, das ist hier weder im Budget noch im Bewusstsein vieler Familien vorgesehen.

Doch ein Instrument bringt jedes Kind mit: seine Stimme. Diese bewusst zu pflegen und zu entwickeln ist Anliegen des Projektes »Primacanta« der Crespo-Stiftung. »Wir wollen die Kinder zum Singen bringen«, erläutert Projektleiterin Annette Marke. Denn im modernen Alltag spiele Gesang keine nennenswerte Rolle mehr, die wenigsten Erwachsenen tr

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