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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2015
Rettet das Singen
Über die Macht der eigenen Stimme
Der Inhalt:

Rettet das Singen!

von Eva-Maria Lerch vom 05.06.2015
Heute singen fast nur noch die Profis – den meisten anderen ist das peinlich. Was geht dadurch verloren? Ein Gespräch mit dem Musikwissenschaftler Gunter Kreutz über Alltagskultur und die Macht der eigenen Stimme

Publik-Forum: Herr Kreutz, macht Singen glücklich?

Gunter Kreutz: Ja, das Glück ist ja ein Gesamtpaket aus sehr verschiedenen persönlichen und kulturellen Faktoren – körperliche und seelische Gesundheit, Kontakt und Rituale, das Gefühl der eigenen Würde und Selbstwirksamkeit. Und zu all diesen Faktoren kann das Singen in positiver Weise beitragen.

Wie denn?

Kreutz: Singen ist zunächst ein körperlicher Vorgang, es verändert Atmung, Haltung, versetzt in einen vitalen physischen Zustand. Es fördert und festigt aber auch die sozialen Beziehungen: Man kann nicht zusammen singen, ohne aufeinander zu hören. Damit entsteht eine achtsame Atmosphäre, wo Menschen besser miteinander umgehen. Das Glück, das wir beim Singen empfinden, ist aber kein schneller euphorischer Kick wie bei einem Lottogewinn. Wenn Sänger von der Chorprobe kommen, erleben sie eher ein stilles, nachhaltiges Glück: die Erfahrung von Gelöstheit, freigesetzter Energie.

Woher kommt das entspannte Gefühl nach der Chorprobe?

Kreutz: Von der Fokussierung: Der ganze Mensch wird vom Hören und Produzieren der Töne eingenommen, alles andere muss er weglassen. Dazu kommt die Erfahrung synchroner Effekte: Wenn wir alle ein A singen, ist dieses A alles, was uns im Moment erfüllt. Und es erfüllt uns alle. Ich weiß, was in den anderen vorgeht – weil in mir ja dasselbe vorgeht. Diese synchronen Effekte entstehen unbewusst und sind Menschen aller Bildungsschichten auch ohne komplexes Denken verfügbar.

Verändert das auch die Gruppe?

Kreutz: Vielleicht ist dies sogar die ursprüngliche Funk tion des Gesangs in der Gesellschaft: Er trägt auf unkomplizierte Weise zur Harmonisierung von Gruppen bei und fördert die Empathie. Wo Menschen zusammenarbeiten und ernten, wo sie ihre Nahrung teilen und sich verteidigen müssen, sorgt das Singen für Verständigung und emotionale Verbindung. Wo Sprache nicht ausreicht, wo keine Zeit für lange Diskussionen bleibt, stellt das Singen eine Basis des Zusammenlebens her.

Kann man das belegen?

Kreutz: Eine Forschungsgruppe um die schwedische Medizinerin Christina Grape hat 2003 das Blut von Sängerinnen und Sängern nach der Chorprob

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