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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2014
Gebt den Kindern das Spiel zurück!
Wie fairer Fußball geht
Der Inhalt:

Der Traum von den neuen Sommerschuh en

von Bettina Röder vom 13.06.2014
Immer mehr Menschen droht Armut im Alter. Doch das Rentenpaket der Großen Koalition ändert daran wenig. Jetzt melden sich die Kirchen zu Wort

Und wieder nix. Jetzt schreib ich an die Frau Nahles.« Adelheid Müller lacht, sie ist beim jüngsten Rentenpaket. Es ist ein unbeschwertes, mädchenhaftes Lachen. Eine 78-Jährige vermutet man dahinter nicht. Schon gar nicht eine Frau, die 38 Jahre Berufsleben als ausgebildete Röntgenassistentin hinter sich hat und nun schon seit Langem in der Altersarmut lebt. »Das tut weh«, sagt sie, und ihre Stimme wird leise. »Besonders, wenn ich Sehnsucht nach meinen Nichten und Neffen und Großenkeln habe und sie – die selbst nicht viel haben – nicht mal zu mir einladen kann.« Die Frau, die für ihr Leben gern verreist, fügt hinzu: »Geschweige denn, dass ich zu ihnen fahren kann.« Auch ihren Traum, noch einmal in dem ihr verbleibenden Leben nach Breslau zu reisen, hat sie längst aufgegeben. Und Kultur, wenn die Karte mehr als zehn Euro kostet, kann sie sich längst nicht leisten. Dann lacht sie wieder: bei dem Gedanken, dass sie früher das mit dem Geld gegenüber anderen nicht zugeben wollte. Da hat sie immer gesagt, sie habe keine Zeit. Das hat sie sich nun um der Selbstachtung willen abgewöhnt.

930 Euro netto bekommt sie im Monat, 340 Euro gehen für die Wohnung weg. Kalt. 45 Quadratmeter ist sie groß. Eng gebaut auf dem Gelände einer Fischfabrik in einem Vorort von Lübeck. Fünf Euro kostet die Busfahrt in die Stadt, hundert Euro will sie jeden Monat beiseite legen, was sie nicht immer schafft. »Für Notfälle, Medikamente und Kleidung, jetzt sind mal ein paar Sommerschuhe dran.« Wieder lacht sie. Mit den 250 Euro, die sie sich vorgenommen hat, im Monat für das Essen auszugeben, kommt sie nicht aus. Sie hat eine Weizenallergie, da kostet alles etwas mehr.

Als Röntgenassistentin an der Berliner Charité hat sie zu DDR-Zeiten Schichten geschoben, konnte mit 55 Jahren körperlich fast nicht mehr. Dann kamen die Entlassungen vor allem der Älteren, sie kam dem zuvor, ging in den Vorruhestand. Zwanzig Prozent weniger bekommt sie als ihre Berufsgenossin im Westen. Auch darum würde sie gern mal an Frau Nahles schreiben, Eingaben an den Petitionsausschuss des Bundestages brachten nicht viel. »Ich lasse mir mein Leben nicht vom Staat verderben«, dieses Motto aus DDR-Zeiten gilt für die Handwerkertochter, die nicht jugendgeweiht ist, 1989 mit auf der Straße war und immer eine enge Anbindung zur Kirche hatte, heute noch. Das will sie durchhalten, komme, was wolle. Wie so viele andere in ihrer Situation auch.

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