Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2013
Götzen, Geld und die Gerechtigkeit
Was Christen heute herausfordert
Der Inhalt:

Lernt der Islam Freiheit?

von Thomas Seiterich vom 14.06.2013
Der Bürgeraufstand gegen die autoritäre Regierung Erdogan spaltet die Türkei. Eröffnet aber auch Chancen für die Zukunft

Die Auseinandersetzungen zwischen jungen, westlich orientierten Großstadtbewohnern, oppositionellen türkischen Nationalisten und der Polizei im Dienste der islamisch-konservativen Regierung Erdogan haben neben der freiheitlich politischen auch eine stark religiöse Komponente. Wer diese Dimension des Streits übersieht, wird den Konflikt nicht verstehen.

Wer fehlt in den Bürgerdemos? Die Kopftücher und die Vollbärte. Ministerpräsident Erdogans frömmelnde Wählerschaft aus dem aufstrebenden Anatolien, die ihren Glauben gerne öffentlich zeigt – sie bleibt zu Hause. Viele Religiöse verstehen die Welt nicht mehr: Allzu lange hatte sich der islamische Teil der Nation auf fetten Wahlresultaten von rund fünfzig Prozent ausgeruht.

Zwischen den modernen Säkularen, den traditionellen Laizisten mit dem Atatürk-Schnauzbart und den islamisch Frommen liegen Welten. Machtpolitiker Recep Tayyip Erdogan schürt den Streit. »Millionen Muslime« droht er auf die Straße zu schicken »gegen kriminelle Demonstranten«. Den Taksim-Platz stürmte Erdogans Polizei.

An jenem Platz in Istanbul entzündete sich der Streit. Der Taksim ist ein höchst symbolischer Ort. Über den Taksim eilen nicht nur täglich eine Million Großstadtmenschen. Der Taksim beherbergt auch ein Denkmal des laizistischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk sowie das 1928 errichtete Denkmal der Republik. Just dort droht Erdogan eine Moschee zu errichten – als ob es in der 17-Millionen-Metropole Istanbul nicht übergenug Moscheen gäbe.

Erdogan, der im kriegerischen Kurdenkonflikt maßvoll agierte und Klugheit an den Tag legte, lässt es seit Jahren am Respekt für die nichtislamischen Teile der Nation fehlen. Seine überhebliche Machtpolitik spaltet die Türkei. Das innere Anatolien wählt Erdogans Partei, die islamische AKP. Die weltoffenen Regionen an der West- und Südküste sowie der Großraum Istanbul bevorzugen freiheitliche, nichtfromme politische Kräfte wie zum Beispiel die kemalistische Oppositionspartei CHP.

Bürgerkriegsszenarien machen seit Jahren die Runde. Das Offizierskorps der überdimensionierten Armee gilt als kemalistisch und folglich als laizistisch. In die Offiziersausbildung werden seit Jahrzehnten nur junge Bewerber aufgenommen, auf deren Großfamilienfoto kein einziger islamischer Vollbartträger zu finden ist. Die Polizei dagegen hat Erdogan in den letzten ze

PFplus

Weiterlesen mit Publik-Forum Plus:

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für »Publik-Forum«-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen