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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2012
Die Zeit des Gehorsams läuft ab
Nach dem Katholikentag
Der Inhalt:

»Ich brauche die Erde«

von Annette Lübbers vom 05.06.2012
Ulrike Struck produziert »Seedballs« – kleine Kugeln aus Lehm und Samen. Reich wird die Töpferin damit nicht. Aber glücklich

Fast schon zärtlich ist ihr Gesichtsausdruck, als sich Ulrike Struck über die winzigen Pflänzchen in einer zerbrochenen braunen Kugel neigt. »Guck mal«, sagt die 57-Jährige zu ihrer Tochter Gesine: »Siehst du? Hier neben dem Salat. Das ist Kresse. Es hat funktioniert.«

Mutter und Tochter lernen immer noch dazu: Seit zwei Jahren betreibt die gelernte Keramikerin gemeinsam mit ihrer Tochter die »Seedball-Manufaktur« im ostwestfälischen Dörentrup. Mutter Ulrike ist für die Produktion zuständig, Tochter Gesine, Ökotrophologin und Ernährungswissenschaftlerin, betreut den Internetauftritt, entwirft Verpackungsdesigns und managt den Vertrieb.

Seedballs – also Samenkugeln – sind kleine Bällchen aus Lehm, Erde, Wasser und etwa fünfzig Samenkörnern. Für ein »Blaues Wunder« etwa mischen Mutter und Tochter fünf Teile Erde, drei Teile Lehm und einen Teil Wasser. Dazu geben sie Samen blaublühender Pflanzen wie Kornblumen, Jungfer im Grünen, Natternkopf, Wiesensalbei, gefleckte Hainblume, Bienenfreund, Borretsch, Blauer Lein, Buschwinde und Vergissmeinnicht. Wenn der Herrgott dann noch Regen und Sonne dazu gibt, stehen die Chancen gut für das »Blaue Wunder«.

Die Idee dieser Samenbomben stammt ursprünglich aus Japan. Der japanische Mikrobiologe und Bauer Masanobu Fukuoka glaubte, dass die Natur an sich vollkommen sei und des Menschen Pflege überhaupt nicht bedürfe. Deshalb begründete er in seiner Heimat eine naturnahe Landwirtschaft ohne große Eingriffe: keine intensive Bodennutzung, keinen künstlichen Dünger und keine Schädlingsbekämpfungsmittel. Fukuoka schaffte es, mittels Samenkugeln ausgelaugte Berghänge in Japan wieder zu begrünen. Als Gesine Struck im Internet von dieser »Munition der Guerilla-Gärtner« erfuhr, waren sie und ihre naturbegeisterte Mutter sofort Feuer und Flamme.

Erde, Lehm, Wasser? All das gibt es in Ostwestfalen. Die 31-jährige Gesine fand die Idee, mit Saatbällen Geld verdienen zu wollen, trotzdem ziemlich waghalsig. Nicht so ihre Mutter: »Ich habe schon Ende der 1970er-Jahre auf Märkten meine Keramik verkauft. Warum also keine Seedballs? Dazu das Internet als Marketingplattform. Ich hatte gar keine Bedenken.«

Dabei weiß die Frau mit den grauweißen Haaren und dem strahlenden Lächeln um die Risiken selbstständigen Unternehmertums: »Es war für mich noch nie einfach, von meiner Ke

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