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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2012
Die Zeit des Gehorsams läuft ab
Nach dem Katholikentag
Der Inhalt:

Die meditierenden Nazis

von Thomas Klatt vom 05.06.2012
Wie Yoga im Dritten Reich missbraucht wurde. Eine Forschungsreise durch die Archive

Madonna tut es! Sting tut es! Der Nachbar tut es! Tun auch Sie es? Yoga ist hip, Yoga ist angesagt. Vor allem in den Städten schießen die Yoga-Studios wie Pilze aus dem Boden. Dabei ist die neue Trendwelle alles andere als die Entdeckung einer neuen Sportart. Denn über Yoga wird zumindest in Deutschland seit gut 200 Jahren gesprochen. Die Anfänge waren allerdings wenig massenkompatibel, sondern stellten eher das Spezialinteresse einzelner Gelehrter dar. Zum Do-it-yourself-Massenphänomen wurde es erst ab den 1970er-Jahren. Heute ist das Angebot schier unüberblickbar. Power-Yoga, Hormon-Yoga, Bikram-Yoga, Lach-Yoga, XY-Yoga. Auf Yoga gibt es kein Copyright, und jeder kann sich Lehrer nennen. Es gibt zwar das Zertifikat des Berufsverbandes der Yogalehrenden in Deutschland BDY bzw. für Europa EYU. Doch dafür muss man mindestens 500 Unterrichtseinheiten absolvieren. Andere machen ihre »Ausbildung« an einem Wochenende oder in den USA, ohne Nachweis darüber, welche Fähigkeiten sie dort erworben haben.

»In diesem Spektrum geht es um das Einnehmen und reine Abturnen von Yogahaltungen ohne den Hintergrund und ohne die Essenz des Yoga. Es werden so folkloristische Elemente herausgenommen und vermischt mit einem Hinduismus light«, beklagt der Berliner Yoga-Lehrer Mathias Tietke. Sicher gebe es viele Leute, die sich ernsthaft um die Einübung von Körperhaltungen und die Konzentration auf den richtigen Atem bemühten. Aber gerade in der Wellness-Szene gebe es eben auch viel Wildwuchs und Scharlatanerie. Bei nur wenigen bestehe die Absicht, sich ernsthaft mit der altindischen Philosophie auseinanderzusetzen.

Für Mathias Tietke wurde zum Initialerlebnis seiner Kritik die Begegnung mit einer Dozentin während seiner Yoga-Ausbildung: »Ich habe da von ihr zu hören bekommen, ich müsse nur lange genug meditieren, um anzuerkennen, das es das Karma der Juden war, vernichtet zu werden, und das wäre eben die Sicht des Yoga«, erinnert sich Tietke. Der damalige Yoga-Schüler war geschockt. Er wollte wissen, inwieweit Yoga auch missbraucht werden kann, und begann, in den Archiven zu forschen. Die Geschichte des Yoga im Westen wurde für ihn zur Entdeckungstour.

Zu Beginn des Yoga in Deutschland vor gut 200 Jahren wurde der allein körperbetonte Hatha-Yoga, wie er heute vorwiegend gelehrt und praktiziert wird, geradezu abgelehnt. Das sei viel zu schwierig und für Europäe

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