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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2020
»Die Zeit läuft uns weg«
Ein Gespräch mit Georg Bätzing
Der Inhalt:

Smile!

vom 29.05.2020
Kolumne von Katharina Müller-Güldemeister: Was sich leider durch Corona überhaupt nicht geändert hat, ist der inflationäre Gebrauch von Emojis, Smileys und anderen Symbolen, beklagt Publik-Forum-Kolumnistin Katharina Müller-Güldemeister

Seit den Kontaktbeschränkungen durch Corona ist meine Chataktivität mit Freunden und Bekannten exorbitant gestiegen. Tatsächlich bringen uns diese digitalen Wasserstandsmeldungen und Schnappschüsse näher zusammen. Denn viele der kleinen Höhe- und Tiefpunkte ihres Alltags gingen sonst an mir vorbei. Von einer Kollegin weiß ich nun zum Beispiel, dass ihr Sohn kein Fan ihrer Haarschneidekunst ist. Sein kurzer Pony mag praktisch sein, ästhetisch betrachtet kann ich seine Tränen allerdings verstehen.

Ausgesprochen glücklich wirkt dagegen die Tochter meiner Freundin auf einem wiedereröffneten Spielplatz. Ein Video zeigt sie singend auf der Wippe, während ihre Spielkameradin, Puppe »Puppi«, Mühe hat, nicht runterzufallen. Berührt hat mich auch das Foto eines Briefumschlags, der an den Sohn meines Klassenkameraden adressiert ist. Er gibt starken Anlass zu der These, dass auch die Jugend von heute noch Liebesbriefe schreibt.

Was sich leider durch Corona nicht geändert hat, ist der inflationäre Gebrauch von Emojis und Symbolen. Im Gegenteil: Es ist schlimmer geworden. »Hey, wie geht’s?«, schreibt eine Bekannte; und als würde diese Frage nicht für sich stehen können, lacht dahinter ein Smiley. Auf meine Rückfrage antwortet sie: »Endlich wieder gut! Ich lag sechs Wochen flach, und es war nicht Corona, hat sich also noch nicht mal ›gelohnt‹, also wegen Antikörpern.« Dahinter ein Affe, der sich die Augen zuhält.

Als würde jemand jedes Mal »Spaß!« rufen, nachdem er einen Witz gemacht hat

Im weiteren Chatverlauf, in dem wir die letzten Wochen rekapitulieren, folgen neun weitere Emojis: lachender Smiley mit geröteten Wangen, grinsender Smiley, Smiley mit Partyhut auf dem Kopf und Tröte im Mund, lachender Smiley mit Tränen in den Augenwinkeln, Smiley mit hochgezogenen Brauen, Strichmund und großen Augen, lachender Smiley mit zusammengekniffenen Augen. Sie haben es verstanden? Ja, so habe ich mich auch gefühlt.

Für mich sind Smileys so, als würde jemand jedes Mal »Spaß!« rufen, nachdem er einen Witz gemacht hat und alle schon drüber lachen. Zugegeben, bei Textnachrichten sieht man nicht, ob der andere in schallendes Gelächter ausbricht oder darüber grübelt, ob die bissige Antwort böse oder lustig gemeint ist. Seit ein paar meiner scherzhaft oder gar ironisch gemeinten Kommentare missverstanden wurden, ertappe ich mich auch häuf

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