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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2020
»Die Zeit läuft uns weg«
Ein Gespräch mit Georg Bätzing
Der Inhalt:

Gott ist Freundschaft

von Joachim Negel vom 29.05.2020
Über die Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljov

Das Bild ist berühmt: die Dreifaltigkeitsikone des russischen Malermönches Andrej Rubljov († 1430). Ihr Name lautet griechisch Philoxenia (Gastfreundschaft), russisch Troijza (Dreifaltigkeit). Ob Dreifaltigkeit etwas mit Gastfreundschaft zu tun hat?

Vordergründig zeigt die Ikone den Besuch Gottes bei Abraham und Sara unter den Eichen von Mamre, im Verlauf dessen sie die Verheißung des lang ersehnten Nachwuchses erhalten (Genesis 18,1-33). Rubljov – in der jahrhundertelangen Tradition byzantinischer Ikonentheologie stehend – malt diese Geschichte neu, und zwar im Kontext eines berühmten Verses aus dem Hebräerbrief: »Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt« (13,2).

Anders als auf vielen anderen Darstellungen zeigt Rubljov ausschließlich den göttlichen Besuch, der sich bei Sara und Abraham eingestellt hat: Drei Gestalten (Engel, Fremde, Gäste, man weiß es nicht so genau) sind in ein liebendes Gespräch vertieft. Einander zugeneigt, ruht der eine im anderen, ohne dass man auf Anhieb zu sagen wüsste, bei wem das Gespräch seinen Ausgang nimmt. Dieser Eindruck wird noch durch die Merkwürdigkeit unterstrichen, dass man die drei Gestalten in Gesicht und Haltung nur schwer unterscheiden kann. Rubljov folgt darin dem biblischen Wortlaut. Auch hier weiß man nie so recht, ob Abraham es nun mit einem oder mit drei Gästen zu tun hat. Seine Anrede changiert ständig zwischen »ihr« und »du«, und auch das zeitweilige Selbstgespräch Gottes wechselt von der 1. Person Singular (»ich«) zur 1. Person Plural (»wir«) und wieder zurück (vgl. Gen 18,5ff.). Die Tradition der Kirche hat deshalb die Geschichte von der Beherbergung Gottes durch Abraham als eine alttestamentliche Präfiguration der göttlichen Dreifaltigkeit gelesen, wie sie durch Christus offenbar geworden ist.

Aber man kann Rubljovs Meisterwerk auch als eine Ikone der Freundschaft lesen. Es fällt ja auf, dass intensive Freundschaftsbeziehungen nicht selten zu einer räumlichen, dreidimensionalen Metaphorik hindrängen: Ein-Räumung von Gastfreiheit, Atmosphäre der Bewillkommnung, Um-Gebung und Beherbergung des Fremden, Gewähr von Freiheit wie auch von Intimität, Eröffnung einer Landschaft, Aufriss eines Horizontes, unter welchem man freier atmen und freundlicher leben kann als allein. Freundschaft weitet das Leben; Einsamkeit engt es ein (man denke an den sprachlich

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