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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2019
Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern
Eine Annäherung in fünf Schritten
Der Inhalt:

Das Senfkorn von Münster

von Eva-Maria Lerch vom 24.05.2019
Die Aktion »Maria 2.0« zeigt die überwältigende spirituelle Kraft von Frauen, die sich nicht mehr hinhalten lassen. Und eine Männerkirche, die am Ende ihrer Argumente ist

Jesus hätte vielleicht von einem Senfkorn gesprochen. Denn viel mehr als ein Körnchen trotziger Hoffnung war es nicht, das die fünf Frauen aus einem Lesekreis in Münster da gesät haben. Aus Verzweiflung über eine Kirche, die sie lieben, die sie aber immer wieder enttäuscht, zurückgestoßen und vertröstet hat, beschlossen sie an einem kalten Januarabend, in den Kirchenstreik zu treten. Zum Protest gegen den sexuellen Missbrauch und die Unterdrückung der Frauen in der katholischen Kirche gründeten sie die Aktion »Maria 2.0« und riefen die katholischen Frauen dazu auf, in der zweiten Maiwoche keine Kirche zu betreten und alle Ehrenämter ruhen zu lassen. Anders als die mächtige Institution Kirche hatten die Fünf kein Generalvikariat, keine hauptamtlichen Mitarbeiter, keine Kirchensteuergelder, ja nicht mal eine Adressenkartei.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 10/2019 vom 24.05.2019, Seite 10
Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern
Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern
Eine Annäherung in fünf Schritten

Wie im Gleichnis vom Senfkorn wurde die kleine lokale Protestaktion bald »größer als die anderen Gewächse«. Hunderte Frauengruppen in ganz Deutschland und den Nachbarländern, in Chile und den USA schlossen sich dem Kirchenstreik an. Tausende von Katholikinnen standen am Sonntag mit ihren Gebeten, Liedern und Plakaten vor den Kirchentüren, forderten eine offene, geschwisterliche Kirche und die Zulassung von Frauen zu allen Weiheämtern. Sämtliche Medien berichteten. Maria 2.0 schaffte es auf den ersten Platz in den Abendnachrichten und konnte selbst im Vatikan nicht mehr ignoriert werden.

Die unerwartete Wirkung dieser Frauenaktion überrascht auch deshalb, weil ihre Forderungen alt und bisher immer erfolglos geblieben sind: Das Kirchenvolksbegehren (1995), das Netzwerk Diakonat der Frau (1996), die provokative Priesterinnenweihe (2002) wurden allesamt von der römischen Kirche abgeschmettert, ignoriert und sanktioniert. Seither sind die Kirchen immer leerer geworden, und vielerorts waren es nur noch ein paar fromme Frauen, die ihr die Treue hielten. Dass ebendiese nun auch protestieren und den Dienst verweigern, versetzt die alte Männerkirche sichtbar in Angst und Schrecken.

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Die aggressive Reaktion von konservativen Bischöfen und Kreisen wie des Forums deutscher Katholiken, die die Frauen nun wieder zur Demut und zur Gründung rom-konformer Gruppen aufrufen, macht deutlich, wie sehr die Klerikerkirche jetzt mit dem Rücken zur Wand steht. Alle Argumente gegen die Frauenweihe – etwa, dass Jesus bewusst nur Männer in seine Nachfolge berufen habe und die frühkirchlichen Diakoninnen keine sakramentalen Dienste ausgeübt hätten – sind theologisch längst widerlegt. Selbst der Papst hat die Berufung von Frauen verdeutlicht, als er Maria Magdalena 2016 zur »Apostelin der Apostel« erhob. Auch die gequälten Appelle vonseiten der Bischofskonferenz, dass die Frauen mehr Geduld haben müssten, klingt angesichts der jahrtausendealten Männerherrschaft und der jahrzehntelangen Bemühungen um eine stärkere Partizipation von Frauen lächerlich.

Nach den erschütternden Erkenntnissen über den tausendfachen sexuellen Missbrauch durch Priester steht die katholische Kirche mit dem Rücken zur Wand. Als Täterinstitution, die die Verbrechen ermöglicht und vertuscht hat, hat sie jede moralische Autorität verloren, die begründeten Forderungen ihrer schuldlosen weiblichen Mitglieder mit der Macht ihres Amtes zurückzupfeifen und zu disziplinieren.

Die Demut, die sie den Frauen nun erneut vorschreiben will, muss sich die römisch-katholische Kirche vielmehr selbst verordnen. Ihre einzige Chance, wieder zu einer glaubwürdigen Zeugin der frohen Botschaft zu werden, liegt in einer radikalen Erneuerung: Die Klerikerkirche muss in sich gehen, sie muss lernen zu schweigen und denen zuhören, die sie missbraucht, verletzt, instrumentalisiert und gedemütigt hat. Diese Kirche muss ihre längst überkommene patriarchale Fixierung auf Männer aufgeben und die spirituelle Befähigung von Frauen anerkennen und kirchenrechtlich und liturgisch wirksam werden lassen. Die überwältigende Kraft der Aktion Maria 2.0 macht deutlich, dass die Zeit erfüllt ist. Denn wer das Gleichnis Jesu ernst nimmt, weiß, dass das Reich Gottes aus einem Senfkorn erwächst – und nicht aus den versteinerten Mauern von machtvollen Institutionen.