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Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2019
Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern
Eine Annäherung in fünf Schritten
Der Inhalt:

Das Senfkorn von Münster

Die Aktion »Maria 2.0« zeigt die überwältigende spirituelle Kraft von Frauen, die sich nicht mehr hinhalten lassen. Und eine Männerkirche, die am Ende ihrer Argumente ist

Jesus hätte vielleicht von einem Senfkorn gesprochen. Denn viel mehr als ein Körnchen trotziger Hoffnung war es nicht, das die fünf Frauen aus einem Lesekreis in Münster da gesät haben. Aus Verzweiflung über eine Kirche, die sie lieben, die sie aber immer wieder enttäuscht, zurückgestoßen und vertröstet hat, beschlossen sie an einem kalten Januarabend, in den Kirchenstreik zu treten. Zum Protest gegen den sexuellen Missbrauch und die Unterdrückung der Frauen in der katholischen Kirche gründeten sie die Aktion »Maria 2.0« und riefen die katholischen Frauen dazu auf, in der zweiten Maiwoche keine Kirche zu betreten und alle Ehrenämter ruhen zu lassen. Anders als die mächtige Institution Kirche hatten die Fünf kein Generalvikariat, keine hauptamtlichen Mitarbeiter, keine Kirchensteuergelder, ja nicht mal eine Adressenkartei.

Wie im Gleichnis vom Senfkorn wurde die kleine lokale Protestaktion bald »größer als die anderen Gewächse«. Hunderte Frauengruppen in ganz Deutschland und den Nachbarländern, in Chile und den USA schlossen sich dem Kirchenstreik an. Tausende von Katholikinnen standen am Sonntag mit ihren Gebeten, Liedern und Plakaten vor den Kirchentüren, forderten eine offene, geschwisterliche Kirche und die Zulassung von Frauen zu allen Weiheämtern. Sämtliche Medien berichteten. Maria 2.0 schaffte es auf den ersten Platz in den Abendnachrichten und konnte selbst im Vatikan nicht mehr ignoriert werden.

Die unerwartete Wirkung dieser Frauenaktion überrascht auch deshalb, weil ihre Forderungen alt und bisher immer erfolglos geblieben sind: Das Kirchenvolksbegehren (1995), das Netzwerk Diakonat der Frau (1996), die provokative Priesterinnenweihe (2002) wurden allesamt von der