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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2019
Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern
Eine Annäherung in fünf Schritten
Der Inhalt:

Das Klassentreffen

von Britta Baas, Thomas Seiterich vom 24.05.2019
Vor dreißig Jahren schrieb die Ökumenische Versammlung in der DDR Geschichte. Sie dachte die Friedliche Revolution voraus. Visionäre von damals fragen sich heute: Trägt der Geist von 1989 in die Zukunft?

So manchem entfährt der Satz gleich mehrere Male an diesem Tag: »Ach, was für ein schönes Klassentreffen!« In der Katholischen Akademie zu Berlin sind an diesem Frühlingstag des Jahres 2019 etwa dreihundert Frauen und Männer zusammengekommen, die eines eint: das Nachdenken über die gemeinsam erlebte oder gemeinsam erinnerte Ökumenische Versammlung in der DDR vor dreißig Jahren, wenige Monate vor der Friedlichen Revolution.

Ein Klassentreffen also. Worüber spricht man da? Ganz klar: darüber, wie es früher war. Wie man sich verändert hat. Und ob es noch einmal so schön, ja so einzigartig werden könne, wie es damals war. Dass die Ökumenische Versammlung etwas Bedeutendes, Lebensveränderndes wurde – nicht nur für die, die selbst daran teilnahmen, sondern für die gesamte DDR –, daran kann historisch gesehen kein Zweifel bestehen.

Zwischen Februar 1988 und April 1989 treffen sich zuerst in Dresden, dann in Magdeburg und am Ende wieder in Dresden die Delegierten aus 19 Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, um in Arbeitsgruppen zu beraten: Wie ist Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung unter den Bedingungen der Zeit möglich? Wie kann die christliche Hoffnung auf ein gutes Leben, auf Erlösung und Auferstehung aus dem Dunkel der Zeit erfahrbar werden? Viele der Teilnehmenden werden zu aktiven friedlichen Revolutionären. Sie verändern die Welt, die sich nur wenige Monate später an der deutsch-deutschen Grenze in eine neue wandelt.

Erika Drees, Heino Falcke und Christoph Ziemer – eine Medizinerin, zwei bekannte evangelische Theologen, allesamt friedensbewegt und bürgerrechtlich engagiert – hatten im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Christinnen und Christen aufgerufen, sich mit eigenen Gedanken und Vorschlägen in die Vorbereitung der Versammlung einzubringen. Die Reaktionen übertreffen alle Erwartungen: Zum Jahreswechsel 1987/88 gehen fast zehntausend Zuschriften im Vorbereitungsbüro ein. Sie machen in überwältigender Klarheit und Eindeutigkeit darauf aufmerksam, dass es grundlegende demokratische Defizite in der DDR gibt, dass es an elementaren Rechten mangelt und dass Rechtssicherheit für den Stasi-Staat ein Fremdwort ist. Der Auftrag an die Ökumenische Versammlung ist unmissverständlich: »Formuliert diese Probleme! Drängt auf eine Änderung der Wirklich

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