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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2018
Frieden in einer irren Welt
Katholikentag 2018: Ängste, Ideen, Sehnsüchte
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Strichlein, Strichlein an der Wand

Liebe Mandy, wir sind uns noch nie begegnet. Manchmal laufe ich nach der Arbeit an deinem Nagelstudio vorbei. »Mandy’s Nageloase« hast du auf das Schild über dem Schaufenster geschrieben. Freundlich klingt das, fast schon persönlich. Es klingt nach einer Frau, die nicht nur die Hände anderer Frauen verschönert, sondern auch eine vertrauensvolle Atmosphäre herstellen möchte. Es scheint dir zu gelingen, denn dein Geschäft gibt es schon viele Jahre lang. Fast ebenso lang gibt es die Internetseite »www.deppenapostroph.info«. Dort werden Fotos gezeigt von Schildern wie deinem: »Tanja’s Lädchen«, »Beck’s Bier«. Oder »Conny’s Currywurstparadies«. Obwohl es doch richtig »Connys Currywurstparadies« heißen müsste. Weil es im Deutschen nicht üblich ist, das Genitiv-s mit einem Strichlein abzuspalten.

Das Suchen und Finden falscher Apostrophe macht manchen Menschen Freude: Sie verlinken Schilder wie deines auf Facebook und lachen sich kaputt. Und es ist ja nicht zu leugnen: Der Apostroph breitet sich aus, der böse, böse Strich. Das kleine Häkchen ist übrigens alles andere als unschuldig. Es trennt die Doofis von den Klugen. Die da oben von denen da unten! Reife Leistung für so ein unscheinbares Satzzeichen.

Wer Apostrophe korrekt setzt (also meistens: weglässt), ist demnach ein besserer Mensch. Soziologinnen nennen das Phänomen »neue Bürgerlichkeit«: Verunsichert von der eigenen Abstiegsangst sind wir anscheinend jedem dankbar, der uns versichert, dass da, wo wir sind, noch nicht ganz unten ist. Weil wir die richtige Wurst beim richtigen Metzger kaufen und keine Strichlein setzen, wo keine hingehören. Das ist vielleicht verständlich – sympathisch ist es nicht.

Liebe Mandy, du fragst, was eigentlich Menschen veranlasst, über dich zu spotten. Weil du als Selbstständige einen gut gehenden Kosmetikbetrieb leitest? Oder weil die vermeintlich Bessergebildeten Vorbehalte gegen deinen Vornamen haben? Würde ihre Häme weniger fies ausfallen, wenn eine Charlotte dein Nagelstudio leiten würde?

Du findest das ungerecht, sagst du. Und warum nicht ein bisschen kreativ werden? Das tun andere Leute schließlich auch. Die deutsche Sprache hat uns so ein hübsches Baukästlein geschenkt, mit großen und kleinen Buchstaben und voller Striche, Punkte, Häkchen, Sternchen.

Du sagst, du wunderst dich schon lange, dass

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