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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2018
Frieden in einer irren Welt
Katholikentag 2018: Ängste, Ideen, Sehnsüchte
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Diese verdammte Ungewissheit«

von Anke Lübbert vom 25.05.2018
Steffen Schnorrenberg (46), Fischer auf Hiddensee, kämpft um seine Existenz

Für uns Fischer waren die letzten Jahre hart. Die Quoten, die jedes Jahr von Wissenschaftlern neu festgelegt werden und vorgeben, wie viele Fische von welcher Art wir fangen dürfen, liegt für Dorsch und Hering in diesem Jahr wieder weit unter der vom Vorjahr. Für mich heißt das konkret: 2008 durfte ich noch zehn Tonnen Hering fischen, dieses Jahr sind es gerade noch drei. So kann ich meine Familie nicht ernähren und auch niemanden anstellen, der mit mir rausfährt. Ein großes Problem dieser schwankenden Quoten: diese verdammte Ungewissheit! Wir wissen nie, was nächstes Jahr kommt. Natürlich gibt es Subventionszahlungen. Aber wir sind ja Fischer, wir wollen raus und nicht fürs Nichtstun bezahlt werden.

Das Wetter ist natürlich immer ein Problem. Dieses Jahr war zum Beispiel Anfang März die Fahrrinne zugefroren, als ich gerade Hering anlanden wollte. Trotzdem ist das Wetter mein kleinstes Problem, damit kann ich umgehen. Besser als mit den Regulierungen und der Bürokratie. Ich sag immer: »Lesen und Schreiben ist nie mein Ding gewesen.« Mittlerweile muss ich aber alles dokumentieren. Neuerdings müsste ich mich sogar mit einer App anmelden, wenn ich einen bestimmten Fisch fischen will. Und dafür muss ich mir erst mal ein neues Telefon kaufen. Ich komme aus einer Fischerfamilie, habe zu DDR-Zeiten Schiffsmechaniker gelernt und die Ausbildung 1989 noch kurz vor der Friedlichen Revolution beendet. Schon als Kind war ich viel auf dem Kutter unterwegs. Dass ich da Fischer werde, lag nahe. Und sowieso wird unser Beruf fast immer vom Vater auf den Sohn vererbt. So auch bei mir. Mitte der 1990er-Jahre habe ich mein erstes Fischerboot übernommen und bin dann noch eine Weile mit meinem Großvater gefahren. Der war achtzig Jahre alt, als er nicht mehr auf den Kutter raufkam und sagte: »Ich glaub, nun bleib ich lieber an Land.«

Anfangs lief es richtig gut, das war eine auskömmliche Fischerei. Ich konnte nach und nach Schiffe von Kollegen übernehmen. Heute habe ich vier Schiffe, alle sind unterschiedlich ausgerüstet. Ich habe immer alles Geld, das übrig war, in Lizenzen und Boote investiert.

Um die 230 kleine Küstenfischer gibt es noch in Mecklenburg-Vorpommern. Vor 1989 waren wir noch tausend! Wir bekommen alle zusammen genauso viel Quote wie die dreißig großen Schiffe, die mit Schleppnetzen unterwegs sind! Das finde ich ungerecht, auch weil wir handwerkliche, nachhaltige Fischere

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